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Roman Bulgakows „Die weiße Garde“ neu übersetzt

Wenn die Sprache aus den Fugen gerät

Archivartikel

Es fällt nicht leicht, die Geschichte von Michail Bulgakows erstem Roman „Die weiße Garde“ nachzuerzählen – alleine schon deshalb, weil es eigentlich keine gibt. Man hat mehr den Eindruck, vor einem Panoramabild zu stehen, auf eine Stadt und einzelne ihrer Bewohner zu blicken, und das in einem entscheidenden historischen Moment. „Die weiße Garde“, in den frühen 1920er Jahren entstanden, spielt in Bulgakows Heimatstadt Kiew. Im Roman ist nur die Rede von der „Großen Stadt“.

Es ist das Jahr 1918, die Oktoberrevolution ist noch im Gange, und die Wirren und Kämpfe, die allseits spürbare Gewalt erreichen Kiew. Sie prägen den Roman und seine Sprache. Der „seltsame Nebeldunst“, von dem die Rede ist, lichtet sich kaum. In ihm tauchen Schicksale auf und verschwinden. Realistische Schilderungen gehen über in Geheimnisvolles, Mythisches. Bulgakow lässt die im Zentrum stehende Familie Turbin durch die turbulenten Wintermonate 1918/19 treiben, die Zeitgeschichte tritt nur leicht kaschiert zu Tage. Und doch entzieht sich die autobiografisch aufgeladene Erzählung, bleibt das Eigentliche unter einem Schleier verborgen, was das Geschehen überzeitlich wirken lässt.

Zu diesem Eindruck trägt nicht zuletzt der Ton des Buches bei, dem man mit der neuen Übertragung und Kommentierung von Alexander Nitzberg vielleicht erstmals richtig nahekommt: Erzählt wird die Geschichte mit expressionistischer Wucht, einer Sprache, die selbst aus den Fugen scheint. Sie ist das Äquivalent zur haltlosen Bürgerkriegs-Zeit. Auch der Leser verliert in dem Chaos den Halt; dass Nitzberg von dem stürmischen, bilderreichen, pathetischen, eigensinnigen Ton nicht davongetragen wird, ist bemerkenswert: Die Neuübersetzung versucht, den Eigentümlichkeiten von Bulgakows früher Prosa gerecht zu werden wie auch den Inkonsistenzen – die Teil sind dieses furiosen Romans.