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Sachbuch Mensch und Hund gelten in vielen Haushalten als Traumpaar – ihre gemeinsame Geschichte geht viele Jahrtausende zurück

Wie aus Feinden beste Freunde wurden

Archivartikel

Der Hund gilt als treuester Begleiter des Menschen. Die innige Beziehung ist im Alltag unübersehbar – immerhin fast zwölf Millionen Hunde leben allein in deutschen Haushalten. Dieses besondere Verhältnis zwischen Mensch und Hund wird als selbstverständlich hingenommen, doch das ist es keineswegs. Es hat sich erst in einem langen Prozess über Jahrtausende so entwickelt. Der Urahn des Hundes, der Wolf, konkurrierte einst mit dem Menschen um Nahrung und Raum. Doch als es dem Zweibeiner gelang, den Wolf zu domestizieren, entstand daraus eine Art „Dreamteam“. Davon erzählt Bryan Sykes in seinem Buch „Darwins Hund“.

Sykes ist ein renommierter britischer Genetiker und damit eigentlich streng der Wissenschaft verpflichtet. Doch zunächst beginnt er sein Buch mit einer Hypothese und illustriert diese sogar szenisch. Vor Zehntausenden Jahren begegneten sich Wolf und Homo sapiens in den Karpaten, wo sie um dasselbe Großwild konkurrierten. Doch da der Homo sapiens schlauer als der Neandertaler war, hatte er nicht nur die besseren Waffen, er spannte auch geschickt Wölfe in seine Jagd mit ein. Die Rudel hetzten das Wild so lange, bis es zusammenbrach. Anschließend schlug die Stunde des Jägers, der das Tier gezielt tötete, die Beute wurde geteilt.

Die These von der Jagdgemeinschaft, der intelligenten Teamarbeit, hat einiges für sich. Daneben gibt es noch die sogenannte Abfalltheorie. Diese ist in den Augen von Sykes jedoch nicht nur „extrem öde“, sondern inzwischen auch aus verschiedenen Gründen hinfällig. Danach hätten Wölfe sich von den Abfällen der Menschen ernährt und sich ihnen so langsam angenähert. Rudel und menschliche Großfamilien sind sich übrigens nicht unähnlich. Es gibt klare Hierarchien, Aufgabenverteilungen und Verantwortlichkeiten. Auch das sprach für den domestizierten Wolf als Begleiter.

Wissenschaftlich detailliert

Charles Darwin mutmaßte seinerzeit, dass man wahrscheinlich nie den Urahn des Hundes finden würde. Auch Schakale und Kojoten galten lange noch als heiße Kandidaten. Doch dank der modernen Genetik ist der Beweis erbracht, dass ausnahmslos alle Hunde von Wölfen abstammen, selbst Pudel, Chihuahua oder Möpse, die von ihrem Aussehen schwerlich noch ihre wilden Urväter erahnen lassen.

In einem für den Laien etwas zu wissenschaftlich und detailliert geratenen Kapitel erläutert Sykes die Genetik der Hunde und die Entstehung der Rassen. Mutationen und Selektionen sind hier einfacher als beim Menschen. So sind etwa für die Körpergröße von Hunden nur wenige Gene verantwortlich. Sykes wirft auch einen Blick auf problematische Zuchterfolge. Um gefleckte Dalmatiner zu züchten, nahm man etwa mit in Kauf, dass die Tiere an Gicht litten, denn unglücklicherweise liegen die Gene auf demselben Chromosom eng beieinander. Eins war ohne das andere nicht zu haben.

Spannend und lehrreich

Doch nicht nur äußerliche Merkmale lassen sich züchten, auch Charaktereigenschaften. Der Mensch hat den Hund ganz nach seinen Maßstäben und Bedürfnissen geformt, als Wach-, Hüte- oder Schoßhund. Und während das Verhältnis zu ihm so immer inniger wurde, avancierte der Urahn Wolf zum Inbegriff des Bösen. Diese Entwicklung setzt Sykes mit dem Beginn der Sesshaftigkeit des Menschen an. Der viehzüchtende Mensch hat andere Interessen als der Jäger. Für ihn ist der Wolf kein Kumpel mehr, sondern ein Feind. Ein immer wieder aufflammender Konflikt, auch in Deutschland.

Sykes hat ein ebenso spannendes wie lehrreiches Buch geschrieben, in dem er Genetik, Verhaltensforschung und Fossilienkunde zusammenführt. Allerdings erscheint das Werk etwas disparat: Ein stark wissenschaftlich gehaltener Teil fremdelt mit einem mehr auf Entertainment angelegten Kapitel, das offensichtlich eine breitere Leserschaft ansprechen soll. Seine persönliche Erfahrung mit dem Hund kann Sykes übrigens nicht beisteuern: Er besitzt keinen. (dpa)