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Wie ein Football-Finale in 1000 XL

„Avengers – Endgame“: Ein dreistündiges Fest vor allem für fachkundige Anhänger des Marvel-Kinouniversums

„Avengers: Endgame“ ist nicht nur das Finale der neben „James Bond“ aufwendigsten und am prominentesten besetzten Filmreihe aller Zeiten. Mit einem Einspielergebnis von mehr als 2,79 Milliarden Dollar hat er 2019 auch kommerziell einen neuen Rekord aufgestellt. Inflationsbereinigt liegen offiziell allerdings die James-Cameron-Werke „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ (2009, 3,12 Milliarden Dollar) und „Titanic“ (1997, 3,11 Milliarden Dollar) vor dem 22. Werk des Marvel-Kinouniversums. An die inoffiziell hochgerechneten 6,6 Milliarden Dollar von „Vom Winde verweht“ (1939) wird so schnell nichts heranreichen – seinerzeit kostete eine Kinokarte im Schnitt 23 Cent, heute über 9 Dollar).

Vor „Star Wars“ und Potter

Wird der von Anthony und Joe Russo inszenierte Film diesem Status gerecht? Dem Rang vor den erfolgreichsten Episoden von Spektakeln wie „Star Wars“, „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“? Ja und Nein. Letzteres, weil die 182 Minuten für sich allein nicht komplett verständlich sind. Man muss nicht alle 21 Vorgängerfilme seit „Iron Man“ (2008) kennen, aber ohne „Avengers: Infintiy War“, „Captain Marvel“, „Black Panther“ und „Dr. Strange“ gesehen zu haben, ist es schon schwierig. Vor allem: Es macht deutlich weniger Spaß.

Aber da fast alle Marvel-Superheldenfilme die Milliarden-Einnahmegrenze knacken, ist das sachkundige Publikum groß genug. Und das wird bestens bedient. Denn die Russos bringen fast liebevoll jede der fast unüberschaubar vielen Figuren noch einmal zur Geltung. Dabei werden viele Nebenhandlungsstränge und -konflikte aufgelöst – ein Fest für Fans, inklusive einer kleinen Hommage an Marvel-Macher Stan Lee, auch im fast einstündigen Bonusmaterial der Blu-ray (1922-2018). Dort wird auch die Rolle der Frauen in der Marvel-Heldenreihe eigens beleuchtet – im „Endgame“ haben die meisten von ihnen einen starken gemeinsamen, durchaus spielentscheidenden Auftritt. Eine relativ subtile Botschaft, dass auch das kommerzielle Hollywood die #MeToo-Debatte verstanden hat.

Für einen Action-Blockbuster wird erstaunlich viel gesprochen. Der Anteil der atemberaubend umgesetzten finalen Schlacht mit dem Titanen Thanos an diesem Endspiel ist erstaunlich gering. Wie der Handschuh mit den Allmacht verleihenden Infinty-Steinen durch die Reihen der Marvel-Helden fliegt, erinnert tatsächlich an ein Football-Finale in 1000 XL. Seinen Wahn, das Leben im Universum zu retten, indem er die Hälfte aller Lebewesen mit Hilfe der Steine tötet, hatte Thanos im Vorgängerfilm verwirklicht und sich zufrieden zurückgezogen. Per Zeitreise à la „Interstellar“ versuchen die ziemlich komplett versammelten Avengers fünf Jahre später, diese Quasi-Apokalypse zu korrigieren.

Das wird – auch im Heimkino – episch umgesetzt. Was angesichts der aktuellen Möglichkeiten der Digitaltechnik aber auch nicht mehr sooo wahnsinnig erstaunlich ist. Jedenfalls weniger verblüffend als die Pionierleistungen von Cameron im ersten 3D-Kassenschlager „Avatar“ oder bei Peter Jacksons finaler Schlacht der „Herr der Ringe“-Trilogie.

Starkes Bonusmaterial

Warum sich auch im Streaming-Zeitalter die Anschaffung einer Blu-ray noch lohnen kann, beweist der Vertrieb Disney hier einmal mehr: Fans, die wirklich alles wissen wollen, werden auf der Film-Disc im Audiokommentar der wohl scheidenden Regisseure und Drehbuchautoren Stephen McFeely und Christopher Markus bis ins kleinste Detail bedient. Dazu kommt eine Bonus-Disc unter anderem mit sieben Making-of-artigen Features, aus denen „Tonangebend: Das Casting von Robert Downey Jr.“ (als Iron Man), „Captain America: Der Mann aus einer anderen Zeit“ und „Die Russo-Brüder: Die Reise zu Endgame“ neben „In Gedenken an Stan Lee“ herausragen. Die DVD kommt ohne Bonusmaterial aus. jpk