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Roman Autor Franzobel blickt in seinem Krimi „Rechtswalzer“ fünf Jahre voraus – und zeichnet ein düsteres Zukunftsbild von Österreich

Wien auf dem Weg in die Diktatur

Österreich, 2024: In Wien regiert nicht mehr die rechtskonservative Regierung von Bundeskanzler Sebastian Kurz, sondern der nationalsozialistische Limes. Die Alpenrepublik ist auf dem direkten Weg in eine Diktatur – doch erkennen will das kaum jemand. Viel zu schön und ablenkend sind ein paar Sozialreformen, lustige Videos im Internet und der Glanz des Wiener Opernballs.

In diese Szenerie setzt der österreichische Autor Franzobel in seinem neuen Roman „Rechtswalzer“ einen verzwickten Kriminalfall mit einem brutalen Mord und einem Gastwirt namens Malte Dinger, dessen Fahrscheinkontrolle aus dem Ruder läuft. Dinger landet wegen Lappalien in U-Haft. Er selbst ist das Beispiel dafür, dass in diesem neuen Österreich einiges schief läuft. Es dauert lange, bis er das merkt. Er denkt nur an die neue Schanklizenz, die er für sein Lokal braucht.

Drastische Sprache

Der individuelle Erfolg ist vielen wichtiger als der Kampf für eine liberale Demokratie – das ist nur eine Botschaft der Gesellschaftskritik, die der Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 1995 in diesen Roman hineingeschrieben hat. Und Franzobel setzt dabei in jeglicher Hinsicht auf den Vorschlaghammer statt auf Fingerspitzengefühl.

Das beginnt bei der verrohten Sprache des Kommissars Groschen, dessen Wortwahl etwa für die weiblichen Reize in erster Linie abwertender Natur ist. Und es endet bei den Analysen der Charaktere („... außerdem trug sie eine freizügige Bluse und eine gebatikte Hose. So sieht keine trauernde Witwe aus“). Deutlicher geht es nicht.

Aber Franzobel setzt noch einen drauf: Denn das Wien 2024 unterscheidet sich nicht wirklich vom Wien 2019. In „Rechtswalzer“ ist Gin weiterhin das Trendgetränk, Menschen spielen noch immer Pokémon Go und Baulöwe Richard Lugner schleppt sich mit dann mehr als 90 Jahren natürlich auf den Opernball.

Ist Österreich also schon auf dem Weg in die Diktatur? „Europa zerfällt, die Nationalstaaten kehren zurück, unsere Regierung überlegt, die Verfassung außer Kraft zu setzen... aber alle stecken ihre Nasen nur ins Smartphone, spielen Warcraft, Tetris, Need for Speed und Solitär“, lässt Franzobel seinen Kommissar Groschen denken.

Vielleicht hat sich Franzobel, der sich zuletzt immer wieder an Unterschriftenaktionen von Künstlern gegen Rechts beteiligt hat, an eine Rede aus dem Sommer 2017 erinnert. „Literatur ist Kampf – gegen die Verdummung, Herzlosigkeit. Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher“, sagte er damals.

Diesen Kampf bestreitet er mit „Rechtswalzer“, wenn er von Korruption auf dem Land, gesellschaftlicher Verrohung und dem Weg zur Diktatur schreibt – und seine Charaktere dies meistens ignorieren lässt. Seine freche Sprache macht diesen Kampf – trotz nicht immer nur erfrischender Wortspiele und wenig Krimispannung – lesenswert.