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Sachbuch Mario Markus würdigt 222 Juden, deren Leben und Werk die Welt veränderte – darunter Albert Einstein

Wirkungsmächtige Biografien

Archivartikel

Dass die heutigen USA 1783 ihre staatliche Selbstständigkeit errangen, verdanken sie nicht zuletzt einem polnischen Juden: Haym Salomon. Erst wenige Jahre vorher eingewandert, beschaffte er als eifriger Verkäufer von Kriegsanleihen den Truppen von Staatsgründer George Washington dringend benötigte Gelder im Kampf gegen die britische Kolonialmacht. Brauchte die Kriegskasse zusätzliche Mittel, griff Salomon auch auf sein Privatvermögen zurück. Und das wurde ihm zum Verhängnis, denn trotz des Sieges im Unabhängigkeitskrieg konnte der neugeschaffene Staat die Anleihen nicht zurückzahlen; Haym Salomon starb 1785 in Armut. Immerhin ehrte ihn die US-Post später mit einer Briefmarke.

Penibel recherchiert

Der Finanzier, der die Welt verändern half, ist einer von 222 vergleichbar wirkungsmächtigen Juden aus der gesamten Menschheitsgeschichte, deren Leben und Werk Mario Markus auf knappem Raum von jeweils einer bis fünf Druckseiten beschreibt.

Selbst jüdischer Deutscher, geboren 1944 noch im NS-bedingten Exil in Chile, wehrt sich der Autor gegen die Wahrnehmung von Juden nur als Opfer von Verfolgung, und er will auch nicht aufgrund religiösen „Anders“-Seins als Exot angesehen werden. Leitfaden seines Buchprojektes sind stattdessen „Integration und Leistung“, durch außergewöhnliche kreative Beiträge auf allen Gebieten von Wissenschaft, Kunst und der Politik.

Die sind auch wirklich erstaunlich: Rund 23 Prozent der bisher verliehenen Nobelpreise gingen zum Beispiel an Juden, obwohl deren Anteil an der Weltbevölkerung kaum zwei Promille ausmacht. Die Preisträger, überwiegend Naturwissenschaftler, bilden die größte Gruppe der porträtierten Persönlichkeiten. Dabei befindet sich der Autor ganz in seinem Element, denn Mario Markus ist emeritierter Professor für Physik an der Universität Dortmund.

In den weit über Wikipedia-Niveau hinaus penibel recherchierten, durch ausführliche Quellenauflistungen belegten Lebensläufen von Wissenschaftskollegen bemüht er sich nicht ohne Erfolg um eine allgemeinverständliche Darstellung ihrer preisgekrönten Leistungen. Auf die Dauer freilich beginnt dem Laien-Leser der Kopf zu schwirren vor lauter „Histonen“, „Prionen“, „Ribosomen“ und einem Hagel sonstiger Fachbegriffe.

Streitbare Auswahl

Bei anderen Tätigkeitsfeldern neigt der Verfasser dagegen schon mal zur Oberflächlichkeit. Gleich zehn jüdische Hollywood-Produzenten und -Regisseure etwa werden auf sechs Seiten summarisch abgehandelt; bei Ernst Lubitsch bleibt dabei ausgerechnet sein berühmter Antinazi-Film „Sein oder Nichtsein“ unerwähnt.

Ähnlich fragwürdig ist die Zuordnung von Walter Benjamin, als Theoretiker eher Einzelgänger, zu den Soziologen der Frankfurter Schule um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Wegen ihrer Bedeutung für die 1968er-Studentenbewegung wird hier sogar der Aktivist Daniel Cohn-Bendit aufgeführt; mit der gleichen Berechtigung könnte Philosoph Ernst Bloch, als marxistischer Denker damals höchst einflussreich, in diesem Zusammenhang genannt werden, doch er taucht in dem Buch überhaupt nicht auf.

Genauso ergeht es den meisten der so zahlreichen jüdischen Komponisten des amerikanischen Musicals: Von ihnen werden nur die Brüder Gershwin, Leonard Bernstein und der 1935 in die USA emigrierte Kurt Weill behandelt – unter dem ein reichlich konservatives Kulturverständnis verratenden Motto „Klassik erreicht die Massen“, weil sie auch oder überwiegend sogenannte ernste Musik schrieben! Vielleicht werden die jetzt Ausgesparten ja in dem von Mario Markus angekündigten Folgeband „Juden unterhalten die Welt“ den ihnen gebührenden Platz finden …