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Wo Speyer am gastlichsten ist

Jubiläumsfeier: Mit Live-Musik und tollen Schmankerln wird im schönsten Biergarten der Stadt gefeiert

Speyer.„Alles, weil Elisabeth das Schiffsleben satt hatte“, so lautete am 9. Februar diesen Jahres die Überschrift in unserer Zeitung, als wir über das 100-jährige Bestehen der Speyerer Traditionsgaststätte „Alter Hammer“ direkt an der Rheinpromenade berichtet haben. Jetzt am Wochenende wird groß gefeiert. Die Inhaber Geraldine Krebs und Peter Roth laden zusammen mit Verpächter Franz Hammer zum Jubiläum ein, das am Samstag, 12. Oktober, um 16 Uhr von Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler eröffnet wird, mit nostalgischen Musikerinnerungen erinnert dann DJ Josh an vergangene Zeiten und abends ab 18 Uhr steppt der Bär mit den eigens gegründeten „Hammerhering All Stars“. Als kulinarisches Schmankerl serviert Kalus Walter an diesem Tag sein sensationelles Blutwurstgröstl – ein Gericht, das man in der Pfalz einfach „Dreggische Grumbeere“ nennt.

Klar, dass die Feier am Sonntag, 13. Oktober noch weitergeht. Ab 11 Uhr wird zum Weißwurstfrühstück mit der „Winestreet Dixie Company“ eingeladen und ab 14 Uhr spielt dann die Stadtjugendkapelle Speyer auf. Übrigens kann zum hundertjährigen Bestehen jeder selbst entscheiden, was er für Speisen und Getränke bezahlen möchte, es wird nämlich nicht abkassiert, sondern lediglich eine große Spendenkasse aufgestellt, von der das Kinder- und Jugendtheater sowie der Schiffer-, Schiffbauer und Fischerverein, der gleich nebenan sein Domizil hat, profitieren werden. Das ist doch eine wunderbare Geste der Wirtsleute und deren Sponsoren.

Einen Blick in die Geschichte der Gaststätte, die den ältesten und wohl auch schönsten Biergarten Speyers ihr Eigen nennt, hatten zu Jahresbeginn unser Mitarbeiter Nikolaus Meyer und der langjährige Betreiber und Mentor der heutigen Wirtsleute, Franz Hammer, geworfen. Hier einige Auszüge: Los ging’s im Jahr 1919, also kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, in der Wirtschaft „Zur Schiffbrücke“ bei einem kühlen Bier und schmackhaften Kleinigkeiten. Es war die Zeit, als die Armut großer Bevölkerungsteile in den Anfangsjahren der Weimarer Republik erdrückend war, und demzufolge gehörte viel Mut dazu, sich in die Selbstständigkeit zu wagen.

Einfach Mut bewiesen

Diesen Mut hatten seinerzeit Franz und Elisabeth Hammer. Es war aber mehr der Mut zur Veränderung, denn als Schiffsführer eines Öltankschiffes verfügte der Großvater des gleichnamigen heutigen Besitzers über ein regelmäßiges Einkommen. Doch Ehefrau Elisabeth war es leid, mit elf Kindern, die alle auf dem Schiff geboren wurden, ständig dort leben zu müssen. Sie wollte sesshaft werden, setzte ihren Willen durch und kaufte 1918 die direkt am Rhein gelegene, gut zehn Jahre zuvor erbaute sogenannte Villa Flörchinger.

Der Grundstein zum „Alten Hammer“ war damit gelegt. Bereits 1918 eröffneten die rührige Elisabeth und ihr Mann hier für drei Monate eine Straußwirtschaft, um sich auszuprobieren. Ein Jahr später folgte die Vollkonzession – und das wird jetzt gefeiert. Der Name leitete sich von der historischen Schiffbrücke ab, über die in direkter Nähe zum Lokal die Eisenbahn bis 1938 den Rhein querte und deren kleiner Bahnhof bis heute das Vereinsmuseum der Schiffer und Schiffbauer beherbergt.

Überaus geschäftstüchtig

Auch dank der Geschäftstüchtigkeit von Elisabeth überstanden die Hammers den Zweiten Weltkrieg ohne größere Blessuren. Geradezu berüchtigt war die Strebsamkeit der Wirtin. Inzwischen fast blind geworden und Füllstriche auf Schankgefäßen nicht mehr sehend, streckte sie – um die richtige Menge zu erkennen – beim Einschenken einen Finger ins Glas. Es sollte bloß kein Tropfen verloren gehen.

Als geradezu geizig erwies sie sich, wenn Gäste für zehn Pfennig ein elektrisches Klavier in Gang setzen wollten und ihnen ein Pfennig fehlte. Niemals, so erinnert sich der heutige Inhaber, habe seine Großmutter den Besuchern mit einem Pfennig ausgeholfen. Das brachte ihr den wenig schmeichelhaften Ruf der „Beißzang“ ein, und im Volksmund hieß es vor einem Gaststättenbesuch im „Hammer“ noch lange, „wir gehen zur Beißzang“.

Nichtsdestotrotz nutzten Speyerer Vereine wie die Sportschützen und Judoka einen Nebenraum als Trainingsquartier. 1948 erfolgte mit der Übergabe der Gaststätte an den jüngsten Sohn Richard der erste Generationswechsel. Auch er galt als Despot und pflegte das „Beißzang“-Image weiter. Als er für einen Schoppen Bier fünf Pfennig mehr als zuvor verlangen wollte, gab es unter den Gästen einen Aufstand.

In der Familie schien es aber zu stimmen, denn mit seiner zweiten Ehefrau Maria hatte er vier Kinder. Darunter befand sich auch unser 1954 geborener Gesprächspartner Franz Hammer.

Vico Torriani zu Gast

Geschäftlich ging es im Zeitabschnitt des deutschen Wirtschaftswunders weiter voran. Beim Bau der neuen Rheinbrücke (später Salierbrücke getauft) in den 1950er Jahren kochte Maria täglich für 35 Brückenarbeiter. In den 1960er Jahren war die Gaststätte beliebte Anlaufstelle für Besatzungsmitglieder und Gäste von Passagierschiffen der Köln-Düsseldorfer Reederei, die sich nicht selten bei einigen Schoppen Bier bis in den frühen Morgen vergnügten. Auch berühmte Persönlichkeiten wie Schlagersänger Vico Torriani gaben sich schon mal die Ehre.

1972 wechselten erneut die Betreiber. Richard und Maria Hammer verpachteten die Wirtschaft für 20 Jahre an die Eichbaum-Brauerei. Anschließend sollte die älteste Tochter Elisabeth das Lokal wieder übernehmen. Die gelernte Restaurantfachfrau kam jedoch 1976 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Eichbaum-Brauerei hatte die Gaststätte gleich nach der Übernahme für fünf Jahre an den Koch und Metzgermeister Ewald Straub unterverpachtet, unter dessen Regie sie sich zu einer gutbürgerlichen Speisegaststätte entwickelte. Der auf Straub folgende Pächter wirtschaftete das Lokal aber total herunter – der gute Ruf war vorläufig ruiniert und der Fortbestand mehr als fragwürdig.

Franz Hammer sah es als seine Familienpflicht, das Lokal zu retten, er übernahm 1979 im Alter von gerade mal 25 Jahren die Regie. Mit der Einstellung des Küchenchefs Klaus Breinig gelang ihm ein Glücksgriff. Dessen Kochkünste und seine Erfindung des Wurstsalat mit Pommes („WuPo“) trugen zum Erfolg bei. Es flutscht bis heute, das Restaurant mit Biergarten konnte er im Jahre 2004 ruhigen Gewissens an Geraldine Krebs und Peter Roth verpachten und sich zur Ruhe setzen.

Wer hier unter der 70 Jahre alten Wasserlinde sitzt, auf unseren schönen Vater Rhein hinausblickt bis hinüber ans badische Ufer, der fühlt sich wohl und trifft immer auf Speyerer und auf Touristen. Hierher kommen alle, die Speyer am Fluss erleben, aber auch gut essen und trinken wollen. Da kann man nur noch ein schönes Jubiläumswochenende wünschen. Jürgen Gruler