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Weinheim In dem Theaterstück „Das Haus“ von Brian Parks in der Stadthalle geraten sich zwei Ehepaare ganz gehörig in die Haare

Wüste Zimmerschlacht offenbart dunkle Seiten

Wie doch der schöne Schein trügt. Als sich der Vorhang in der Stadthalle zu einer „Komödie“ auf Einladung der Kulturgemeinde hebt, segelt „Das Haus“ in zweierlei Hinsicht unter falscher Flagge. Das biedere Erscheinungsbild der Szene mit gepflegtem Wohnzimmer und akkuratem Garten täuscht genauso wie seine Besitzer. Allerdings täuscht auch der Begriff „Komödie“. Zu lachen gibt’s in der Zurschaustellung menschlicher Abgründe erst einmal ziemlich wenig. Und später wird es eher brachial als subtil-feinsinnig mit Wortwitz.

Als ein Stück so unterhaltsam wie eine Mischung aus „Der Gott des Gemetzels“ und „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ wird Brian Parks’ Werk angekündigt. Werbung ist schließlich alles. Für die Theaterlust-Produktion mit Anja Klawun, Gabriele Graf, Sebastian Gerasch und Ulrich Zentner hätten es vielleicht auch ein paar Superlative weniger getan. Dazu dauert es in der ersten Hälfte zu lange, bis sie auf Touren kommt, auch wenn im zweiten Set dann die Fetzen fliegen.

Vor einem ziemlich übersichtlichen Besucherkreis in der Stadthalle sind die vier Schauspieler in ihrem Element. Wäre das Stück als gesellschaftskritisches Drama angekündigt, bei dem sich erst in Feinheiten, aber dann in brutaler Deutlichkeit der moralische Niedergang der Gesellschaft zeigt: Es hätte nicht besser passen können. Mal abgesehen vom doch sehr konstruierten Plot, dass Hausverkäufer plötzlich auf die Idee kommen, nach bereits erfolgtem Vertragsabschluss alles rückgängig machen zu wollen, weil ihnen die Umgestaltungsideen der Käufer nicht passen: Wie sich die bisherigen Eigentümer, scheinbar bieder-konservativ, nach und nach als ziemlich tolerante Menschen herausstellen (außer wenn es um die eigenen vier Wände geht) und im Gegensatz dazu die jungen Käufer immer weiter in eine fast reaktionäre Ecke abrutschen, wird fein ausgeleuchtet.

20 Jahre leben die Rotemunds schon in ihrem Haus im Grünen, das sie so ganz nach eigenem Gusto eingerichtet haben. Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind, soll es eine Nummer kleiner werden, um eine stille, langweilige Einöde zu vermeiden. Die Lindners scheinen die perfekten Käufer zu sein. Die Schlüsselübergabe mit ein paar (und letztlich zu vielen) alkoholischen Drinks in netter Viererrunde soll den Abschluss bilden. Aufgesetzte Freundlichkeit weicht langsam, aber sicher der Sprachlosigkeit, weil beide Paare nicht wissen, was sie miteinander anfangen sollen. Sie leben in verschiedenen Welten. „Das Haus“ wird von den Rotemunds völlig überhöht. Es bekommt schon fast den Status eines Familienmitglieds. Sie klammern sich an den vier Wänden, in denen sie so viel Zeit miteinander verbrachten, mit aller Macht fest, vielleicht weil sie wissen, dass danach nichts mehr so sein wird wie vorher. Der Lebenszweck geht verloren, die bisherige Aufgabe, sich um jedes Detail wie das Rosenmuster an der Tapete oder den Sims zu kümmern. Sie können nicht loslassen.

Gabriele Graf als exaltierte scheidende Hausbesitzerin, die sich über jede Kleinigkeit des Eigenheims begeistert freuen kann, und Ulrich Zentner, der mit Stolz den tollen Kamin vorführt, geben dem älteren Paar, das einen neuen Lebensabschnitt antreten will, aber vom alten partout nicht loskommt, Feuer bis hin zur Raserei. Dann nämlich, wenn an ihrem Heiligtum etwas verändert werden soll.

Auf der anderen Seite die Lindners, die ihren Kauf zuerst eher nüchtern als Schnäppchen betrachten. Als sich die Gesprächsthemen dem Ende zuneigen, tauchen die ersten Fettnäpfchen auf. Der eine oder andere Einrichtungsgegenstand ist doch nicht so schön, wie er zuvor aufgebauscht wurde, die Nachbarn doch nicht so, wie sie sein sollten. Und ob er denn kein richtiger Arzt sein wollte, wird der Zahnarzt Rotemund süffisant gefragt. Als es um einen roten Anstrich geht, sehen alle rot, und an der Küchenerweiterung Richtung Garten scheiden sich vollends die Geister. Die Beleidigungen häufen sich, die Ehepaare gehen sich an den Kragen. Eine wüste Zimmerschlacht offenbart dunkle Seiten. Rasante Dialoge lassen auch die Zuschauer auf ihre Kosten kommen. tom