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Wunderwesen aus der Asche

Archivartikel

„X-Men – Dark Phoenix“: Simon Kinbergs Verfilmung des legendären Comic-Stoffs gelingt mit Abstrichen

Über die Mega-Kinoerfolge der Marvel-Superhelden The Avengers und des von Frank Miller zum „Dark Knight“ verdüsterten Batman wird eines vergessen: Die X-Men waren lange die Titelhelden der erfolgreichsten Comicreihe überhaupt in den USA. ihr Leinwand-Debüt wurde im Jahr 2000 Marvels erster wirklicher Blockbuster. Und etablierten das Prinzip, statt ansehnlichen Muskelprotzen exzellent schauspielernde Hollywood-Superstars wie Hugh Jackman oder Halle Berry in die bunten Kostüme zu stecken. Möglich wurde das alles durch den genialen Comicautor Chris Claremont, der sein Genre und die „X-Men“-Serie 1980 mit der „Dark Phoenix Saga“ revolutionierte.

Allmacht und Ohnmacht

Darin wird die bis dahin selten auffällige Telekinetin Jean Grey alias Marvel Girl durch die geheimnisvolle Phoenix-Energie zu einem gottgleichen Überwesen. Diese für Comicverhältnisse komplexe Geschichte hat der als Drehbuchautor gefeierte Simon Kinberg in seiner ersten Regiearbeit sehr freizügig in 114 Filmminuten umgesetzt, die jetzt fürs Heimkino verfügbar sind. Diese kommen einerseits düsterer und viel psychologischer daher als die Vorgängerfilme. Andererseits wirkt der Film durch die seit 2014 erfolgte deutliche Verjüngung des Ensembles vielleicht eine Spur zu jugendlich. Aber auch in der Comic-Vorlage mussten die Fans mit radikalen Veränderungen der Mutanten-Gruppe zu leben lernen – das passt also ins Konzept.

Außerdem ist der emotionale Spagat der Titelfigur zwischen Beinahe-Allmacht und der Ohnmacht, diese nicht richtig kontrollieren zu können, herausragend gespielt von „Game Of Thrones“-Star Sophie Turner. Auch ihre Gegenspielerin, die Außerirdische Vuk, wird von Jessica Chastain grandios distanziert verkörpert. Sie will die dunkle Energie des Dark Phoenix, der ihren Heimatplaneten zerstört und nun von Jean Grey bei einer Rettungsmission im All Besitz ergriffen hat, nutzen, um die Erde zu erobern und die Menschheit zu vernichten. Die als Helden verehrten X-Men werden von der Öffentlichkeit, in der sich ihr Mentor Charles Xavier (James McAvoy) etwas unplausibel allzu sehr sonnt, durch die Ausbrüche des Dark Phoenix wieder gefürchtet und verfolgt. Jean Grey greift Polizisten an und tötet versehentlich ihre Freundin Raven (Jennifer Lawrence). Aber aus der Asche, die sie anrichtet, steigt sie am Ende doch noch als Wunderwesen hervor.

Bei Licht betrachtet war die erste, sehr verkürzte und dramatischere Adaption des Stoffes in „X-Men: Der letzte Widerstand“ (2006) besser. Zumal das jüngste Werk trotz 200 Millionen Budget technisch und vor allem maskenbildnerisch nicht auf absolutem Spitzenniveau agiert. Dabei sind der Aufwand und gedankliche Input faszinierend groß, was im exzellenten Bonusmaterial der Blu-ray unterhaltsam aufbereitet wird. Dass darin auch Claremont zu Wort kommt, ist ein Sahnehäubchen. jpk