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Literatur Neuerscheinungen zeichnen Bild einer desillusionierten, aber auch kämpferischen Jugend in aufgewühlten Zeiten / Klimakrise und Scheitern als Themen

Zwischen Resignation und Rebellion

Archivartikel

Die Jugend spricht am besten für sich selbst. In ihren Romandebüts zeigen junge Autoren gebrochene Helden ihrer Generation. Sie erzählen von gerade erwachsen gewordenen Frauen und Männern, die in einer polarisierten, verstörten Gesellschaft ihre Rolle suchen, nicht immer mit Erfolg. Manche scheinen gar die Hoffnung auf eine gelingende Zukunft verloren zu haben.

Ausgerechnet ein Vertreter der älteren Autorengeneration liefert ein positives Gegenbild, ein kämpferisches Porträt der Generation Greta. Das schon im Vorfeld gelobte fiktionale Erstlingswerk von Cihan Acar trägt den Sehnsuchtstitel „Hawaii“. Ein trügerischer Name, denn der Autor beschreibt hier kein Südseeparadies, sondern ein Problemviertel von Heilbronn. Es ist die Heimat von Kemal Arslan.

Ausgrenzungen und Versprechen

Nach einem vielversprechenden Aufbruch steht der junge Mann vor den Trümmern seiner Existenz, da seine Karriere als Profilfußballer nach einem Unfall abrupt endet. Nun treibt er orientierungslos vor sich hin. Acar schildert einen jungen Mann auf Sinnsuche, gefangen im Zwiespalt von Migrantenmilieu und deutscher Mehrheitsgesellschaft. Und während Heilbronn bei Kämpfen zwischen einem Heimatschutzverein und einer migrantischen Rockerbande verwüstet wird, entzieht sich Kemal einer Positionierung durch Flucht in die Ferne.

Suche nach Identität vor dem Hintergrund einer multikulturellen Gesellschaft und neu entfachtem Rassismus ist auch das Thema von Olivia Wenzels Buch „1000 Serpentinen Angst“. Ihre Heldin ist eine junge Frau, Tochter eines angolanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Frühe Ausgrenzungserfahrungen werden wieder lebendig, als sie bedrohliche Nazigruppen beobachtet. Sie zieht ein bitteres Resümee: „Ich habe mehr Privilegien, als je eine Person in meiner Familie hatte. Und trotzdem bin ich am Arsch. Ich werde von mehr Leuten gehasst, als meine Großmutter es sich vorstellen kann.“ Nach einem psychischen Zusammenbruch begibt sich die Frau in Therapie. Dem stark dialoglastigen Romandebüt merkt man die gelernte Theaterautorin an.

Mit reichlich Vorschusslorbeeren ausgestattet kommt aus Frankreich das Werk einer jungen Autorin zu uns, die dort bereits als Houellebecqs Erbin gefeiert wird. Marion Messinas „Fehlstart“ gilt als virtuoses Debüt. Es ist eine kühle und messerscharfe Analyse der französischen Gesellschaft, deren Versprechen auf Wohlstand und Teilhabe sich für die junge Generation als leer und hohl erweisen. Erzählt wird die Geschichte von Aurélie, einer jungen Frau aus Grenoble, die die Arbeiterbiografie ihrer Eltern hinter sich lassen will. Doch ihr Jurastudium scheitert genauso wie ihre erste Liebe. Sie geht nach Paris, wird aber auch hier radikal ernüchtert, erweist sich doch die schillernde Metropole in Wahrheit als ausgrenzender „Lebensort für Privilegierte“.

Einen resignativen Zug kennzeichnet auch das Werk ihres Landsmanns David Lopez. „Aus der Deckung“ wird als „Roman über die verlorene Generation Frankreichs“ beworben. Schauplatz ist eine Reihenhaussiedlung in der Provinz, eine Welt irgendwo zwischen Bürgertum und Gosse. Hier hängt eine Clique von Freunden ab. Jonas hat das Zeug zum Profiboxer, doch ihm fehlt der Elan, etwas aus sich zu machen. Kiffen, Alkohol, Kartenspielen, ab und zu mal eine Party schmeißen, so vergeht die Zeit. Eine Jugend im Wartestand, die die Hoffnung aufgegeben hat, jemals noch eine Chance zu bekommen. Neben Ernüchterung und Resignation gibt es aber auch Wut und Engagement.

Es ist Altmeister John von Düffel, der diese Seite der jüngeren Generation zum Klingen bringt. In seinem Roman „Der brennende See“ geht es um die Klimakrise und Generationengerechtigkeit. Neben Protagonistin Hannah spielt Klimaaktivistin Julia als Vertreterin der Fridays-for-Future-Generation eine herausragende Rolle. Sie versucht, die Älteren wachzurütteln, damit sie den Klimanotstand ausrufen. Düffel gibt damit der Generation Greta eine positive, kämpferische Stimme. dpa