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Angriff in Demut

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Die Rhein-Neckar Löwen gehen mit einer ambitionierten Mannschaft in die Saison – doch nach einigen Enttäuschungen überwiegt die Bescheidenheit.

„Das sah nur so aus. 80 Prozent der Jungs waren lockerer als ich“, gibt Schwalb zu und lacht. Andererseits: Er ließ sich seine Anspannung nicht anmerken, was ja zweifelsohne wichtig für einen Trainer ist, der stets Ruhe und Überzeugung ausstrahlen soll, damit die Spieler auch an ihn, an seine Ideen und an seine Taten glauben. Und das tun die Löwen. Anders lassen sich zumindest nicht die lobenden Worte von Kapitän Uwe Gensheimer erklären: „Was Martin macht, hat Hand und Fuß: Er ist ein echter Gewinn für die Rhein-Neckar Löwen.“

Seit Ende Februar steht Schwalb als Nachfolger des entlassenen Kristján Andrésson in der Verantwortung, schnell stabilisierte der 57-Jährige die zuvor durch die Liga taumelnde Mannschaft mit kleinen Korrekturen, ehe ihn die Corona-Pandemie monatelang ausbremste. Doch seit Mitte Juli hatte er nun eine komplette Saisonvorbereitung – übrigens seine 17. als Trainer –, um seine personellen und taktischen Vorstellungen einzubringen. Das Fazit: Schwalb sieht sein Team trotz des Ausfalls von Topmann Jannik Kohlbacher (Bänderverletzung im Ellenbogen) gut gerüstet. Das genaue Ziel bleibt aber offen.

Mehr als in der vergangenen Runde soll es dann aber doch sein – trotz der wirtschaftlichen Sorgen, die in diesen Corona-Zeiten aber jeder Club hat. Sprich: Platz fünf – das ist zu wenig für den Anspruch des zweifachen deutschen Meisters, der sich nicht weiter über die Erfolge der Vergangenheit definieren will und der am Sonntag (16 Uhr) gegen den TVB Stuttgart in die neue Saison startet.

„Wir wollen oben mitmischen, müssen aber auch ehrlich und realistisch sein: In den vergangenen zwei Jahren haben Kiel und Flensburg das Geschehen bestimmt“, erkennt Schwalb die Leistung der Nordclubs an: „Aber ein paar Mannschaften, die zuletzt vor uns standen, würden wir schon gerne diesmal hinter uns lassen.“

Platz drei sollte es schon sein

Das klingt beim ersten Hinhören erst einmal ein wenig langweilig, ist aber am Ende nichts anderes als eine in Demut verpackte Ansage. Denn natürlich wollen (und müssen) die Löwen mit diesem aufgerüsteten Kader in der Lage sein, zumindest hinter dem Duo von der Ostsee ins Ziel zu kommen. Vielleicht ist angesichts der Flensburger Personalsorgen sogar noch ein bisschen mehr drin – auch wenn die Meisterschaft wohl ziemlich sicher wieder nach Kiel gehen wird.

Im Titelverteidiger sieht Schwalb ebenfalls den großen Favoriten, zumal der THW mit der Verpflichtung von Superstar Sander Sagosen „eine Benchmark für die ganze Liga“ gesetzt habe. Neidisch schaut er trotzdem nicht in Richtung Norden, sondern richtet den Fokus auf seine Mannschaft, mit der er eine Philosophie entwickeln will, „auf die wir stolz sein können und die die anderen erschreckt“. Und zwar nicht wie ein Geist, der aus der Dunkelheit ab und zu auftaucht. Sondern eher wie das vielköpfige Ungeheuer Hydra, das nicht kleinzukriegen ist und dem die Gegner mit Ehrfurcht, Respekt und vielleicht auch ein wenig Furcht und Sorge begegnen.

„Wir haben eine Mannschaft mit guter Qualität und einen tollen Trainer, der viel gesehen, erlebt und gewonnen hat. Der genau weiß, wie er uns anpacken, was er machen muss. Das macht Mut“, sagt Gensheimer, der seit Schwalbs Amtsübernahme einen „Stimmungswandel“ wahrgenommen hat. Auch Torwart Andreas Palicka sieht das so: „Niemand ist mehr so sehr mit sich selbst beschäftigt – und das liegt natürlich an Martin.“

Ein Trainer ist nämlich nicht nur dafür verantwortlich, dass seine Mannschaft einen Plan verfolgt, immer besser wird und taktische Hilfe bekommt. Es liegt auch an ihm, für Zusammenhalt und ein Wir-Gefühl zu sorgen. Schwalb weiß das: „Nur im Training baut man keine Mannschaft. Das Zwischenmenschliche muss passen und sich entwickeln.“ Und damit kann man schon beim Rafting anfangen.

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