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Biene-Maja-Ritter im Frankenland

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Skandinavische Kolonie in Mannheim, Melsunger Pandemie-Profiteure – die etwas andere Saisonvorschau ( Teil 1 )

1. THW Kiel

Einst war es die legendäre Ostsee-Halle, dann wurde daraus der spröde Name Sparkassen-Arena. Und wie heißt sie nun, die Spielstätte des Kult-Clubs aus dem Norden? Wunderino-Arena. Wunder-Was? Wun-der-ino! Hinter dem Unternehmensnamen verbirgt sich ein Online-Casino, es kann also virtuell gepokert werden. Ins Risiko gehen muss der THW aber nicht. Mit dem dazugeholten – und nicht gewonnenen – Superstar Sander Sagosen gelingt locker die Titelverteidigung.

2. SG Flensburg-Handewitt

Er ist nicht mehr da. Holger Glandorf hat Schluss gemacht. Also nicht mit seiner Frau, sondern mit seiner Karriere. Champions-League-Gewinner, Meister, Pokalsieger wurde er mit der SG, mit 2406 Treffern ist der Linkshänder bester Bundesliga-Feldtorschütze aller Zeiten. Wenn die Flensburger künftig den Ball auf die rechte Rückraumseite passen, könnte man fürchten, dass da keiner steht – so groß ist die Lücke, die Glandorf hinterlassen hat. Aber: Da mit Franz Semper ein Nationalspieler als Nachfolger kommt, wird aus der Leerstelle keine Lehrstelle. Mit Magnus Rød ist zudem noch ein Hochkaräter da. Und wer Glandorf sehen will, muss nur „Amazon“ einschalten. Bald gibt es dort die Dokumentation mit dem unglaublich kreativen Titel „Inside SG Flensburg-Handewitt“ zu sehen.

3. Rhein-Neckar Löwen

Trainer Martin Schwalb fürchtet, dass er Schwedisch lernen muss. Sechs Spieler aus dem Königreich stehen bei den Löwen unter Vertrag – was irgendwie passt. Blau und gelb sind die Clubfarben, blau und gelb ist auch die schwedische Flagge. Ein Laden mit Spezialitäten aus der Heimat fehle ihm, witzelt Neuzugang Lukas Nilsson: „Vielleicht wäre das etwas für meine Frau.“ Potenzielle Kunden gäbe es gewiss genug. Wie auch immer: Es riecht danach, dass IKEA bald Hauptsponsor wird.

4. SC Magdeburg

In der Medien- und Marketingabteilung des SCM hatten sie in der Corona-Pause viel Zeit. Vielleicht auch Langeweile. Die Profis im 16-Mann-Kader kommen auf 1013 Tore in 1373 Länderspielen, rechneten die Bördeländer vor. „Alle haben schon für ihre Heimatländer gespielt“, heißt es stolz auf der Internetseite des Clubs. Und doch sitzt der prominenteste Magdeburger auf der Bank: Torwart-Trainer Tomas Svensson wurde als Spieler mit Schweden zweimal Weltmeister und dreimal Europameister. Auf Club-Ebene kommen sechs Champions-League-Titel dazu. Der Makel, dreimal das olympische Finale verloren zu haben, setzt ihm aber immer noch zu, wie der Ex-Löwe einst dieser Redaktion verriet. Dafür hat er aber, Achtung liebe Magdeburger, 331 Länderspiele bestritten und kein Tor erzielt.

5. Füchse Berlin

Endlich mal realistische Worte aus der Hauptstadt. Nach den Tiefstapel-Tönen der Vorjahre gehen die Berliner in die Offensive. „Unser Ziel sollte es sein, die großen Drei anzugreifen“, sagte Sportvorstand Stefan Kretzschmar. Wieder mit im Füchse-Kader: Simon Ernst, der nach drei Kreuzbandrissen innerhalb von 28 Monaten das nächste Comeback wagt. Vielleicht ist das schon jetzt die schönste Geschichte der Saison.

6. MT Melsungen

Der von einem Pharma- und Medizinbedarfs-Unternehmen großzügig alimentierte Club sollte keine finanziellen Sorgen haben. Denn noch nie zuvor dürften Desinfekionsmittel einen so reißenden Absatz gefunden haben wie in den vergangenen sieben Monaten. Einen Topkader hatten die Melsunger schon immer, mit Gudmundur Gudmundsson kam jetzt auch noch ein Toptrainer dazu. Das klingt nach einer keim-, äh . . . stressfreien Saison. Ach ne, aus dem Europapokal sind die Nordhessen ja schon raus.

7. Frisch Auf Göppingen

Ein Platz in den Geschichtsbüchern ist den Schwaben gewiss. Sie sind der EHF-Pokal-Rekordsieger. 2011, 2012, 2016 und 2017 gewannen sie den zweitwichtigsten europäischen Wettbewerb – und kein anderer Club wird ihnen ihre Bestmarke jemals streitig machen. Der EHF-Pokal wurde nämlich abgeschafft, er nennt sich nun European League. Und von der ist Frisch Auf ein Stück entfernt.

8. SC DHfK Leipzig

Jeder Sportler sollte einen Ausgleich haben. Löwen-Kapitän Uwe Gensheimer betreibt ein Bistro, sein Club-Kollege Andy Schmid hat ein Kinderbuch geschrieben. Und was macht Leipzigs Abwehr-Ass Bastian Roscheck? Der Wirtschaftspsychologe hat einen Job in der Personalabteilung bei einem Logistikriesen am Flughafen Leipzig/Halle angetreten. „Ich bin vom Typ her nicht so, dass ich nur Handball spiele. Das tut mir nicht gut – und meiner Frau auch nicht“, scherzt Roscheck. Auch dank seiner Ruhe wird der SC Achter.

9. TSV Hannover-Burgdorf

Die Niedersachsen verzichten freiwillig auf die Teilnahme an der European League. Aus wirtschaftlichen und gesundheitlichen Gründen, teilte die TSV mit. Die gute Nachricht: Nach dem Verlust von Spielmacher Morten Olsen und dem Weggang von Timo Kastening müssen sie diese schwere Entscheidung im nächsten Jahr gar nicht erst treffen.

10. HC Erlangen

Die Erfahrung lehrt, dass im Sport nichts unmöglich ist. In der vergangenen Saison beschäftigten die Franken drei Trainer, was schon ungewöhnlich ist. Spektakulär wurde der stetige Wechsel aber erst durch die Amtszeit – wenn man das so nennen darf – von Rolf Brack. Gefühlt hatte der Trainer-Kauz, der sich selbst für einen Handball-Professor hält, noch gar nicht auf der Bank als Nachfolger von Adalsteinn Eyjólfsson Platz genommen, da war er schon wieder der Vorgänger von Michael Haaß. Ganze 24 Tage blieb Brack. Übrigens: Ex-Löwe Haaß ist noch da, er hat zur Sicherheit sein Studium der Elektrotechnik abgeschlossen. Damit lässt sich im Notfall bestimmt auch Geld verdienen.

11. TBV Lemgo-Lippe

Man stelle sich vor, einer der weltbesten Abwehrspieler ist ablösefrei zu haben und schließt sich einem Mittelmaß-Club an. Gibt’s nicht? Gibt’s doch! Gedeón Guardiola verteidigt künftig an der Seite seines Zwillingsbruders Isaías in der ostwestfälischen Provinz. Der TBV kann es selbst kaum fassen – und der Rest der Liga fragt sich, wie die Löwen diesen Spieler nur freiwillig abgeben konnten. Guardiola selbst hat sich mit Frau und Kindern in Lemgo bestens eingelebt: „Wir haben eine schöne Wohnung, einen netten Vermieter, nette Nachbarn und einen netten Kindergarten. Wenn wir spazieren gehen, erkennen mich viele, aber vielleicht halten sie mich auch für Isaías.“

12. Bergischer HC

Normalerweise trägt der BHC seine Heimspiele in der Uni-Halle Wuppertal (Fassungsvermögen: 3200 Zuschauer) oder in der Solinger Klingenhalle (2800 Zuschauer) aus. Zuletzt machte der Club aber auch immer wieder mal den mehr als 10 000 Zuschauer fassenden Düsseldorfer ISS Dome zu seiner Heimspielstätte. Mit Blick auf die Einnahmen dürfte sich das gelohnt haben, in sportlicher Hinsicht aber eher nicht: 1:13 Punkte in sieben Begegnungen sind eher kein Indiz für einen Heimvorteil – aber vielleicht zwingt Corona ja den BHC zu seinem Glück in Wuppertal und Solingen.

13. HSG Wetzlar

Jannik Kohlbacher, Steffen Fäth, Kent-Robin Tønnesen – sie alle wurden bei den Mittelhessen zu Top-Spielern am Kreis oder im Rückraum. Ihre Leistungssprünge sind eng verbunden mit Kai Wandschneider, dem Trainer der HSG. Gern vergessen wird Jasmin Camdzic, der sich um die Torhüter kümmert: Andreas Wolff und Benjamin Buric wurden unter seiner Anleitung Weltklasse-Keeper, Till Klimpke gehört zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Keine Frage: Dieser Camdzic muss eine besondere Gabe haben. Vielleicht meldet sich schon bald der englische Fußballverband bei ihm.

14. TVB Stuttgart

Wenn jemand auf die erste Trainerentlassung der neuen Saison wetten will, sollte er besser nicht auf Jürgen Schweikardt setzen. Da könnte man auch gleich sein Geld im Neckar versenken. Denn Schweikardt hat den sichersten Job der ganzen Liga. Der Coach bekommt jeden Transferwunsch vom Stuttgarter Manager erfüllt, er denkt auch wie sein Vorgesetzter. Mehr auf einer Wellenlänge kann man gar nicht liegen: Das Geheimnis dieser wunderbaren „Beziehung“: Jürgen Schweikardt ist Trainer und Geschäftsführer in Personalunion.

15. GWD Minden

Die Ostwestfalen müssen ihre Heimspiele in der Halle des ungeliebten Nachbarn TuS N-Lübbecke austragen. Merkur-Arena klingt zwar besser als Wunderino-Arena, aber der Wohlfühlfaktor fehlt. Man stelle sich mal vor, der Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund müsste stets ins Stadion von Schalke 04 ausweichen.

16. Eulen Ludwigshafen

Viele Konkurrenten freuten sich, als die Pfälzer 2017 aufstiegen, war da doch ein vermeintlich sicherer Absteiger ausgemacht. Aber wer schon einmal gegen diese Abwehr gespielt hat, steigt beim nächsten Mal lieber gegen einen Wladimir Klitschko in Bestform in den Ring.

17. Balingen-Weilstetten

Sie selbst nennen sich „Gallier von der Alb“. Und ein bisschen unbeugsam ist der Club aus dem 35 000-Einwohner-Städtchen durchaus, denn trotz einiger Standortnachteile spielt der HBW meistens in der 1. Liga. Asterix und Obelix wurden dort allerdings noch nicht gesichtet, ebenso wenig der Druide Miraculix. Dabei könnten die Schwaben durchaus einen Zaubertrank gebrauchen, haben sie doch ihren Häuptling verloren. Spielmacher Martin Strobel wurde zwar nicht wie Majestix auf einem Schild getragen, schwebte mit seiner Klasse aber stets ein wenig über seinen Kollegen. Nun hat er seine Karriere beendet.

18. HSG Nordhorn-Lingen

Corona brachte grundsätzlich nur Schlechtes. Mit Ausnahme in der Grafschaft Bentheim. Der Saisonabbruch verhinderte den sicheren Abstieg, der diesmal aber kommt. Nur eine neue Corona-Welle kann die HSG retten. Und das – also eine zweite Corona-Welle – will ja nun wirklich keiner.

19. HSC Coburg

„Vestus“ heißt das Maskottchen der Coburger. Es ist ein Ritter, ausgestattet mit Schwert und Helm. Ein Schild fehlt zur Verteidigung, was ein wenig verwundert, wird der HSC in dieser Saison doch ziemlich viel Prügel einstecken müssen. „Vestus“ sieht übrigens noch nicht einmal furchteinflößend aus, sondern ähnelt in seinem schwarz-gelben Gewand eher einer traurigen Biene Maja.

20. TUSEM Essen

Von wegen Grugahalle – die übrigens schon seit der Eröffnung im Jahr 1958 so heißt und unter Denkmalschutz steht. Der Aufsteiger trägt seine Heimspiele im Sportpark „Am Hallo“ aus, dafür wird die Arena sogar extra noch modernisiert und erstligatauglich gemacht. Der Aufwand wird sich nicht lohnen. Denn nach einem kurzen „Hallo“ heißt es „Auf Wiedersehen“.

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