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Sport-Sensationen (Teil 10) Wie das Eishockey-Team der USA im Jahr 1980 beim Wunder von Lake Placid die übermächtige UdSSR-Mannschaft entthront

Als das olympische Eis schmilzt

Lake Placid.Das sind die Geschichten, die Hollywood liebt. Die Geschichten vom großen Außenseiter und Underdog, der sich gegen alle Widerstände behauptet und das scheinbar Unmögliche schafft. So wie das US-Eishockey-Team, das bei den Olympischen Spielen von Lake Placid am 22. Februar 1980 die als unschlagbar geltende Mannschaft der UdSSR besiegte. Dieses Spiel ging als das „Wunder auf dem Eis“ in die Sportgeschichtsbücher ein. Verwunderlich nur, dass Hollywood 24 Jahre brauchte, ehe diese Geschichte unter dem Titel „Miracle“ (Wunder) mit Kurt Russell in der Hauptrolle verfilmt wurde.

Als Herb Brooks das US-amerikanische Olympia-Team übernahm, trat er ein Himmelfahrtskommando an. Während die Amerikaner ihre Stars aus der weltbesten Liga NHL nicht auf das Eis schicken durften, weil sie Profisportler waren, traten die Ostblock-Nationen mit ihren sogenannten Staatsamateuren an. Dabei wusste jeder, dass Spieler wie Fetisov, Krutov, Makarov, Maltsev und Tretjak wie Profis lebten und trainierten. Zudem hatten die Sowjets seit 1964 viermal Olympia-Gold gewonnen. Sie galten als unschlagbar.

Grünschnäbel gegen Profis

In der olympischen Vorrunde bestätigte das Team von Viktor Tichonov seinen Ruf: 16:0 gegen Japan, 17:4 gegen die Niederlande, 8:1 gegen Polen, 4:2 gegen Finnland. „Wenn das Eis nicht schmilzt, holen die Russen den Titel“, schrieb die „New York Times“. Brooks hingegen musste aus College-Spielern wie „Dave“ Silk –der von 1986 bis 1989 für den Mannheimer ERC stürmte – ein Team formen. Unerfahrene Grünschnäbel gegen abgezockte Profis, das konnte eigentlich nicht gut gehen. Den eishockeyverrückten Vereinigten Staaten drohte beim olympischen Heimspiel eine Blamage. Aber Brooks war ein selbstbewusster – manche sagen auch arroganter – Typ. Und er machte zwei Dinge richtig. Zum einen berief er nicht die vermeintlich besten College-Spieler in sein Team, sondern wählte streng nach zwei Kriterien: Schnelligkeit und Teamfähigkeit. Das bewährte sich bereits in der Vorrunde in der es ein 2:2 gegen Schweden, ein 7:3 gegen die Tschechoslowakei und ein 7:2 gegen Rumänien gab. Gegen die deutsche Mannschaft mit Spielern wie Marcus Kuhl, Udo Kießling, Franz Reindl, Gerd Truntschka und Hans Zach kamen die US-Boys zu einem 4:2.

Das wichtigste Puzzleteil zum Erfolg aber war die Rede, die Brooks vor dem Finalrundenspiel gegen die UdSSR an seine Spieler richtete. Es war eine Kabinenansprache voller Pathos, wie aus einem Hollywood-Drehbuch. „Große Momente werden aus großen Möglichkeiten geboren, und genau das haben wir hier heute, Jungs“, begann der Trainer seine Rede. Dann legte Brooks nach: „Wenn wir zehnmal gegen sie spielen, würden sie vielleicht neunmal gewinnen. Aber nicht dieses Spiel. Nicht heute Nacht. Heute Nacht bleiben wir an ihnen dran. Und wir stürzen sie, weil wir es können. Heute Nacht sind wir das größte Eishockey-Team der Welt.“ Und dann gab es noch ein paar Sätze in Richtung Gegner: „Ihre Zeit ist um. Es ist vorbei. Ich bin krank und müde davon, immer wieder zu hören, welch großartiges Team die Sowjets haben. Zeigt es Ihnen. Ihr seid dran. Jetzt geht raus und macht es.“

Auf dem Eis gingen die Russen dreimal in Führung, dreimal glichen die Amis aus. Als Kapitän Mike Eruzione dann genau zehn Minuten vor Schluss das 4:3 erzielte, bebte die Halle. Zehn Minuten rannte und kämpfte das Team, warfen sich die Spieler in jeden Schuss. Zehn Minuten lang hielt Schlussmann Jim Craig jeden Puck, der auf sein Tor kam. Dann wurde die Halle mit der Schlusssirene zum Hexenkessel.

Dem Druck standgehalten

Doch: Gewonnen hatte das US-Team damit noch gar nichts. Denn das Olympia-Turnier wurde damals ohne K.o-Runde gespielt. Es war eine Finalrunde, in der die Amerikaner im letzten Match gegen Finnland ran mussten. Im Falle einer Niederlage drohte der Absturz auf Rang vier. Aber das Team hielt dem Druck stand, schlug die Finnen 4:2 und holte Gold. Das gilt bis heute als größte olympische Überraschung im Eishockey neben Großbritanniens Triumph bei den Spielen 1936.

Herb Brooks war danach viele Jahre als Vereinstrainer erfolgreich. 2002 kehrte er zum Olympia-Team der USA zurück – und hätte seinen großen Erfolg in Nagano fast wiederholt. Im Halbfinale schlugen die US-Boys Russland mit 3:2. Das Finale gegen Kanada aber ging 2:5 verloren.

Ein Jahr später starb Herb Brooks bei einem Autounfall in Minnesota.

Davon lebt der Sport, das macht ihn so begeisternd: Von den großen Überraschungen, den Sensationen. Wenn der Außenseiter den Topfavoriten bezwingt. Wenn einer Meister wird, den niemand auf der Rechnung hatte. Wenn einer etwas total Verrücktes anstellt – und damit Erfolg hat. Davon handelt unsere Serie „Sport-Sensationen“.

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