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Formel 1 Erstmals hat das traditionsreiche Motorsport-Land keinen Stammfahrer in der Königsklasse / Sérgio Sette Câmara wird 2019 McLaren-Ersatzpilot

Brasilien trauert glanzvollen Zeiten nach

São Paulo.Völlig entkräftet und von Krämpfen geplagt stieg Ayrton Senna auf das Podium von Interlagos und entrollte mit größter Mühe die brasilianische Flagge. Von einem Getriebeschaden heimgesucht hatte sich die Formel-1-Ikone im sechsten Gang in einem Grand Prix für die Ewigkeit im März 1991 zu seinem erlösenden ersten Heimsieg gezittert. „Ich bin erst wieder in der Wirklichkeit angekommen, als ich die Ziellinie gesehen habe“, erinnerte sich der 1994 ums Leben gekommene Senna einmal. „Es war nicht der größte Sieg meines Lebens, aber einer, für den ich einfach alles geben musste. Ich werde ihn auf ewig in meinem Gedächtnis behalten.“

Für die Ewigkeit sind die Bilder Sennas, wie er mit geschlossenen Augen den Moment des Triumphs auszukosten versucht oder wie er von tausenden Landsleuten frenetisch gefeiert wird. Sie lösen immer noch Gänsehaut aus. Und diese Bilder des dreimaligen Weltmeisters sind Zeitdokumente für die Formel-1-Begeisterung in Brasilien.

Das war eine glanzvolle Epoche. Die Gegenwart sieht anders aus. Erstmals seit 1969 hat Brasilien, dieses Riesenland mit riesiger Motorsporthistorie, in diesem Jahr keinen Stammfahrer in der Formel 1. Vor dem Grand Prix am Sonntag in Interlagos mussten sich die Fans mit Felipe Massa begnügen. Im Stadtteil Botafogo von Rio de Janeiro steuerte der Ende 2017 zurückgetretene Formel-1-Fahrer als Vorgeschmack einen Vorführwagen von Williams. „Es ist schade, dass derzeit kein Brasilianer fährt“, sagte Massa als vorerst letzter seiner Spezies. „Die ganze Welt will einen Brasilianer sehen und ihm auch zujubeln.“

2008 – Jahr des Leidens für Massa

Nicht die ganze Welt, aber sicher ein beträchtlicher Teil der brasilianischen Formel-1-Welt litt zumindest mit Massa 2008. An jenem 2. November 2008 gewann der damalige Ferrari-Pilot den Großen Preis von Brasilien und durfte sich sogar als Weltmeister fühlen – aber nur für einige Sekunden. Ein Überholmanöver von Lewis Hamilton gegen Timo Glock zerstörte wenige hundert Meter vor der Ziellinie die Erfüllung des sportlichen Lebenstraums von Massa. Dann flossen Tränen. Viele Tränen. Massa hätte sich fast zum ersten brasilianischen Weltmeister seit Senna 1991 gekürt und Legendenstatus erhalten. Wie auch Emerson Fittipaldi (1972, 1974). Wie auch Nelson Piquet (1981, 1983, 1987). Und eben Senna (1988, 1990, 1991).

McLaren spielt bei dieser WM-Sammlung eine nicht unerhebliche Rolle. Alleine Senna holte seine drei Titel in einem Wagen des englischen Traditionsteams. Da verwundert es auch nicht, dass Petrobras mit diesem Erbe in Verbindung gebracht werden will. Anfang dieses Jahres vereinbarte Brasiliens staatliches Mineralölunternehmen mit McLaren eine Technologiepartnerschaft.

Und es verwundert weiter nicht, dass diese Verbindung auch eine Fahrerentscheidung begünstigt hat. Hinter den 2019er Stammpiloten Carlos Sainz jr. aus Spanien und dem Briten Lando Norris wird der einstige Formel-2-Pilot Sérgio Sette Câmara als Ersatzfahrer Erfahrung sammeln dürfen. Nun haben die Südamerikaner wieder einen Fahrer, auf den sie ihre Hoffnungen projizieren können. dpa