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Turnen Simone Biles ist die Beste ihrer Branche und schreibt auch bei der WM in Stuttgart Geschichten – über die traurigen schweigt sie

Der Superstar, der nur Mensch sein mag

Stuttgart.In einigen Bereichen des grauen, geräumigen Betonbauchs der Schleyerhalle stehen Flachbildschirme. Zumeist in geschützteren Winkeln. Es laufen Videos. In einem erzählen Ron und Nellie sympathisch-natürlich ein bisschen über ihre Gefühlswelt. Wie es für sie als Großeltern so ist, wenn ihr kleines großes Mädchen turnt, das sie mit Fünf adoptieren, weil die drogen- und alkoholkranke Mutter nicht in der Lage ist sie aufzuziehen.

Simone Biles. Der Superstar der Szene. Die beste Turnerin des Globus. Seit Dienstagabend für ihr Können mit der 21. Medaille bei Weltmeisterschaften belohnt. 15 davon strahlen golden. Nach Rang eins für das US-Team ist die Ausnahmeathletin in Stuttgart einmal mehr Rekordfrau – weil sie nun auch die Russin Swetlana Chorkina mit ihren 20 Medaillen überholt hat. Aufregende Augenblicke, über die Simone Biles schlicht sagt: „Es ist wunderbar.“

Die viermalige Olympiasiegerin ist stolz auf ihre Mannschaft. Und die Mannschaft auf sie. „Es ist unglaublich, dass ich mit Simone in einem Team sein darf“, sagt die 16-jährige WM-Debütantin Sunisa Lee über die Beste in ihrer Riege. Wie es der Hochbegabten scheinbar spielerisch gelingt, die Grenzen des sportlich Machbaren ein ums andere Mal zu verschieben, erzählt Simone Biles vor Beginn der WM – begleitet von TV-Kameras, belauscht von internationalen Medienschaffenden.

Probieren und Scheitern

Generalstabsmäßig geplant ist es nicht, Elemente wie den „Triple-Double“, einen Doppelsalto gehockt mit Dreifachschraube am Boden, und den „Double-Double“, einen Doppelsalto rückwärts mit doppelter Schraube am Schwebebalken zu kreieren. Es passiert durch Probieren und Scheitern, durch Umstellen und Anhängen, nach Lust und Laune. „Mit dem Triple-Double habe ich lange Zeit nur rumgespielt“, sagt Simone Biles und blickt zu dem neben ihr sitzenden Trainer Laurent Landi.

Die akrobatischen Fähigkeiten für die Höchstschwierigkeiten, die sie vor zwei Monaten erstmals präsentiert und seit der Qualifikation von Stuttgart offiziell ihren Namen tragen, besitzt die sprunggewaltige Biles. Wie auch die Muskulatur, die enormen Kräfte auszuhalten. „Der Doppel-Doppel ist nochmal verrückter“, sagt Reck-Olympiasieger Fabian Hambüchen über das sogenannte H-Teil, „ich habe ihn im Training nie so hinbekommen, dass ich ihn in einem Wettkampf hätte präsentieren können.“

Unabhängig an welchem Gerät die 22-Jährige in der Schleyerhalle auftritt, die Zuschauer reagieren hysterisch wie bei einem Stones-Konzert. Mit lautem Gekreische begleiten sie jeden Hüpfer der Frau aus Texas. Als strahlender Mittelpunkt im Turnanzug, auf dem die Glitzersteinchen Stars and Stripes ergeben. Dazu amerikanisch-kitschig und farblich passend das Schleifchen im Haar. Glanzvoll, so steht Simone Biles in diesen Tagen zwischen Bodenfläche und Schwebebalken.

Die Öffentlichkeit sieht den Glamour, der von der 1,42 Meter kleinen Frau ausgeht. Doch es existiert auch eine weit weniger glorienbehaftete Welt. Darüber aber spricht Simone Biles nicht. Jedenfalls nicht bei der WM. Das verkündet die Medienfrau des US-Teams höflich, aber bestimmt. Sind es unschöne Themen, die einen Superstar ablenken vom Wesentlichen. Da ist der Skandal um Larry Nassar. Der US-Teamarzt hat hunderte Turnerinnen sexuell missbraucht. „Auch ich bin eine der vielen Überlebenden“, hat Biles vor dem Verfahren unter dem Hashtag MeToo getwittert. Nach dem Urteil, in dem Nassar zu 175 Jahren Haft verurteilt wird, sagt sie bei CNN: „Wir können sehr gut verdrängen, wir möchten nicht, dass es jemand bemerkt und wir wollen auch nicht darüber nachdenken. Wir möchten mit ganzem Herzen unseren Wettkampf machen.“ Dann gibt es noch die Geschichte um ihren älteren Bruder Tevin, der in Cleveland an einer tödlichen Schießerei beteiligt gewesen ist und in U-Haft sitzt.

Bewundert, bestaunt, beklatscht

Umso erstaunlicher ist es, wie locker und gut aufgelegt sich Simone Biles ob all der physischen wie psychischen Belastungen dieser Tage im Schwäbischen gibt. Elisabeth Seitz hat die Frau aus Houston beim DTM-Pokal und einer Gala in London ein bisschen besser, da in weniger stressigen Momenten, kennengelernt, wie sie sagt: „Sie ist sehr aufgeweckt und lustig, aber gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob ich mit ihr tauschen wollen würde?“ Die Antwort gibt die 25-Jährige prompt: „Ich glaube nicht, weil es ist schon sehr sehr viel Trubel um sie herum. Jeder will immer was von ihr.“

In Stuttgart, aber auch bei Olympia in Tokio 2020, sehen viele in Simone Biles den Superstar. Schon jetzt fällt ihr Name in einem Atemzug mit Usain Bolt oder Michael Phelps. Sie aber mag sich lieber als Mensch präsentieren „und nicht als Superstar“. Auf einem Stuhl sitzend erklärt die junge Frau: „Ich will mich beim Turnen nicht als Simone Biles zeigen, sondern als Simone.“

Die Autorin dieses Beitrags, Stefanie Wahl, ist Sportredakteurin bei der „Heilbronner Stimme“, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite Kooperation von Sportredaktionen, die gegenseitig Beiträge austauschen. Auch diese Zeitung gehört zur „G14plus“.

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