Sport

Biathlon Emotionaler Abschied vor 46 000 Fans für Laura Dahlmeier auf Schalke

Die Freiheitsliebende

Archivartikel

Gelsenkirchen.Als sie in den Tunnel fährt, weiß Laura Dahlmeier: ein allerletztes Schießen. Nach Platz vier mit Philipp Nawrath hinter dem norwegischen Sieger-Duo Marte Olsbu Röiseland und Vetle Christiansen bei der World Team Challenge packt Laura Dahlmeier Gewehr und Ski weg. Der Rest ist Genuss.

Ein Dreivierteljahr nach ihrem Rücktritt verabschiedet sich die Biathletin am Samstagabend in der Arena auf Schalke. Endgültig. Sie hat Abstand gefunden – und steht sogar mit Freude im Mittelpunkt. Sie hat Schluss gemacht mit ihrem Sport, der ihre große Leidenschaft ist und ihr doch auch reichlich Leidensmomente beschert hat.

„Was Schöneres gibt es nicht, als das gebührend zu feiern“, sagt die Frau aus Garmisch-Partenkirchen. 46 000 Fans sagen ihr Servus. Der Jubel bewegt sie. Doch Dahlmeier ist im Reinen mit sich, glücklich ob ihrer Entscheidung. Comeback? Ausgeschlossen. Im Partybus geht es mit etwa 70 Familienmitgliedern und Freunden zurück nach Oberbayern.

Sie fühlt sich frei. Ungezwungen und leicht. Befreit von dem Ballast, ständig hohe Erwartungen zu erfüllen und ein Leben unter dem Mikroskop zu führen. Den Rummel um ihre Person hat die 26-Jährige mitunter regelrecht gehasst. Nun studiert die Doppel-Olympiasiegerin von Pyeongchang Sportwissenschaften an der TU München, macht den B-Trainerschein, engagiert sich sozial und sportelt noch immer. Mal bei der Berglauf-WM, mal radeln oder eine Runde laufen – nur eben wann, wie und wo sie mag. Ohne einen ausgeklügelten Trainingsplan. Eine junge Frau auf Entdeckungstour, die sich Leben nennt. „Es tut auch mal ganz gut, ein bissel die Anonymität der Stadt mitzukriegen und in eine andere Welt einzutauchen“, sagt Dahlmeier. Ungewohnte Worte von einer, für die Berge nicht nur Heimat sind, sondern Lebensgefühl. Hierher hat sie sich immer zurückgezogen, wenn sie zu sich selbst finden muss. Nach Siegen. Nach Niederlagen. Zur etwas anderen Trainingseinheit abseits der Mannschaft oder um sich über ihre Zukunft klar zu werden.

Sechs Jahre tingelt Dahlmeier mit dem Biathlon-Weltcup, gewinnt alles, was ihre Sportart an Trophäen zu bieten hat, besticht mit schnellen Zeiten, hoher Treffsicherheit und der Gabe, sich völlig zu verausgaben. Die zierliche und auch eigenwillige Athletin dominiert, setzt Maßstäbe, doch ihr Körper sendet immer wieder Signale. Krankheiten werfen sie zurück. Im Krankenhaus liegend, glaubt Dahlmeier 2018 nicht mehr daran, jemals wieder Leistungssport zu machen. Sie kämpft sich zurück in die Weltspitze, doch was auf der Strecke und am Schießstand spielerisch aussieht, fordert.

Große Dankbarkeit

Die Zweifel nagen. Immer intensiver. „Und ich bin nicht mehr zu 100 Prozent dahinter gestanden“, sagt die 26-Jährige. So reift in ihr der Entschluss aufzuhören – obwohl Trainer, Verband, Sponsoren und Berater hoffen, sie noch umzustimmen. Im März in Oslo weiß Dahlmeier längst, dass dies ihr letztes Weltcuprennen gewesen ist. Inzwischen spürt sie große Dankbarkeit, „dass es nicht nur bei den Großereignissen immer wieder so genial aufgegangen ist“. Selbstverständlich ist dies nicht.

Nun aber ist der Fokus nicht mehr nur auf dieses eine Thema Biathlon gerichtet. Laura Dahlmeier sagt: „Ich möchte ganz viel aufsaugen und offen sein fürs Leben. Das finde ich richtig spannend.“

Die Autorin dieses Beitrags ist Redakteurin der „Heilbronner Stimme“, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite lose Kooperation von Sportredaktionen, die gegenseitig Beiträge austauschen. Auch diese Zeitung gehört zur „G14plus“.

Zum Thema