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Radsport Giro-Gewinner Richard Carapaz wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Ecuador auf

Die Lokomotive von Carchi

Archivartikel

Santa Maria di Sala.An die kolumbianischen Fans mit den wehenden Fahnen in gelb, blau und rot samt wilden Trommelrhythmen hatte man sich an den Radstrecken schon gewöhnt. Spätestens seit 2014, als Nairo Quintana den Giro d’Italia gewann. Jetzt haben die Fahnen die gleichen Farben, in der Mitte prangt aber ein Wappen. Und Trommeln sind auch noch nicht dabei. Die ecuadorianischen Fans, die jetzt in immer größeren Scharen zur Italien-Rundfahrt kommen, feiern ihren Star Richard Carapaz leiser, als es die Nachbarn mit ihren Lieblingen zu tun pflegten. Aber sie feiern ihn.

Denn der 26-jährige Carapaz hat das kleine Ecuador auf die Radsport-Landkarte gebracht. Der angriffslustige Mann aus den Anden machte am Sonntag in Verona ,den Giro-Sieg perfekt. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das sind einzigartige Gefühle. Für mich ist das der größte Triumph, den ich in meinem Leben erreichen kann“, sagte Carapaz mit Tränen in den Augen: „Es ist ein Traum, es ist aber auch der Lohn für die harte Arbeit.“

Der Vorsprung war Tag für Tag angewachsen. Der Movistar-Fahrer belässt es nicht dabei, am Hinterrad seines ärgsten Rivalen Vincenzo Nibali zu bleiben. „Eine Sekunde hier, eine Sekunde da. Das kann am Ende wertvoll sein“, sagt Carapaz. Von Nervosität ist bei Carapaz keine Spur. Er agiert mit der Gelassenheit eines Mannes, der sich seiner Stärke bewusst ist. „Richard ist ein Rennfahrer ohne Schwächen. Er ist enorm stark in den Bergen. Er kann sich im Zeitfahren verteidigen. Und er ist sehr willensstark“, sagte Movistar-Teamchef Eusebio Unzue.

Die Willensstärke dürfte Carapaz bereits in seiner Jugend ausgeprägt haben. Mit 14, 15 Jahren musste er auf dem Bauernhof seiner Eltern ran. „Meine Mutter war damals an Brustkrebs erkrankt. Gemeinsam mit meinem Großvater habe ich mich um den Hof gekümmert. Um vier, fünf Uhr morgens bin ich aufgestanden und habe die Kühe gemolken. Dann bin ich zur Schule gegangen, danach habe ich trainiert, und als die Zeit kam, die Kühe auf eine andere Weide zu bringen, habe ich auch das gemacht“, berichtete Carapaz.

Zum Kletterer ausgebildet

Eine andere prägende Erfahrung machte er 2015, als er die Vuelta de la Juventud gewann, die wichtigste Rundfahrt der U-23-Kategorie in Kolumbien. „Ich gewann sie als bislang einziger Ausländer“, sagte er stolz. Das Nachwuchsrennen im radsportverrückten Kolumbien gegen all die einheimischen Athleten zu gewinnen, die dieses Rennen als das Sprungbrett nach Europa betrachten, will schon etwas heißen. Zu diesem Zeitpunkt war Carapaz in seiner Heimat schon als die „Lokomotive von Carchi“ bekannt. Carchi ist die Provinz nahe der kolumbianischen Grenze, aus der Carapaz stammt. Hier liegt der Ort Julio Andrade, in dem die Eltern und eine seiner beiden Schwestern noch immer wohnen. Auf 2950 Meter Höhe befindet sich der Ort in den Anden, was erklärt, warum Carapaz so ein guter Kletterer ist.

In Kolumbien wurde Carapaz als Radsportler ausgebildet. Der Sieg bei der Vuelta de la Juventud brachte den Sprung nach Europa. Movistar engagierte ihn. Bei den Profis machte er erstmals im letzten Jahr auf sich aufmerksam. Er holte den ersten Etappensieg eines Ecuadorianers beim Giro und kam auf Gesamtplatz vier ein. Trainiert wird er übrigens von einer Frau, von der Trainingswissenschaftlerin Iosune Murillo. Noch so ein Novum beim neuen Star des Giro. dpa