Sport

Psychologie Mentalcoach Oliver Gulde aus Niederstetten verhilft Sportlern zu höheren Leistungen / Europameister Nico Müller gehört zu seinen Klienten

Echte Hilfe und kein Hokuspokus

Oliver Gulde holt eine „Bob der Baumeister“-Figur aus dem Regal und stellt sie auf den Tisch. Er drückt einen roten Knopf, und plötzlich rattert der Presslufthammer los, den das Persönchen in Händen hält. Dann sagt Bob seinen allseits bekannt Spruch: „Können wir das schaffen? Jo, wir schaffen das!“ Manchmal beginnen die ersten Sitzungen mit Klienten von Mentaltrainer Oliver Gulde exakt so. „Ich möchte Menschen in ihrer Persönlichkeit weiter entwickeln, dass sie ihre Ziele erreichen“, sagt der 51-Jährige.

Dass Guldes Arbeit fruchtet, zeigte sich jüngst bei Nico Müller: Der Bundesliga-Gewichtheber des SV Obrigheim kam 2013 erstmals zum Mentalcoach nach Niederstetten und wollte eigentlich mit dem Sport aufhören. Misserfolge und zu hohe Erwartungen drückten dem Leistungssportler aufs Gemüt. Nachdem Müller allerdings mit Oliver Gulde gesprochen hatte, wollte er nicht mehr aufhören. Drei Jahre später startete er bei den Olympischen Spielen in Rio, 2018 wurde er Europameister. „Wir waren viel in der Natur unterwegs, dass er sieht, wie stark die Natur sein kann“, nennt der Sportpsychologe eine Vorgehensweise bei EM-Titelträger Müller.

Die Arbeit von Sportpsychologen kennt man aus dem Fußball oder von Tennis-Cracks – aber beim Gewichtheben? „Für Nico galt es vor allem, seine Ziele richtig zu definieren. Das Wollen statt das Sollen in den Vordergrund zu rücken und vor allem den Spaß an der Sportart wieder zu finden“, erzählt Oliver Gulde. Bei der Arbeit mit dem Gewichtheber war er stets im Austausch mit dem damaligen Bundestrainer Oliver Caruso. „Man muss sich mit der Sportart schon ein wenig auskennen, aber nicht bis ins Detail“, so Gulde.

Golfer, Läufer, Extremsportler

Nicht nur der Gewichtheber Nico Müller gehört zu den Sport-Klienten des Niederstetteners. Golfer, Läufer, Extrem- und Motorsportler betreut er als Mentalcoach. Und auch im Fußball ist er aktiv: Die einstige Zweitliga-Mannschaft der Crailsheimer Fußball-Frauen wurde von ihm „betreut“ – in zahlreichen Gruppen- und Einzelgesprächen. „Bei einer Mannschaft geht es vor allem darum, den Druck herauszubekommen und innere Konflikte zu lösen“, erklärt Oliver Gulde und fügt an: „Jeder hat Erfahrungen in seiner Kindheit gemacht. Wenn ein Spieler ständig Stress mit dem Trainer hat, hat er ein Obrigkeitsproblem, hatte oft Probleme mit dem Vater. Probleme mit Mitspielern erklären sich meist durch Kindheitsstress mit den Geschwistern“, so der Mentalcoach.

Eine lustige Anekdote hat Oliver Gulde aus dem Fußball parat: Da gab es einmal einen Trainer eines Amateurvereins, der angefragt hatte, ob er seinen Stürmer vorbei schicken dürfe, weil der seit Wochen das Tor nicht mehr treffe, erzählt der 50-Jährige. Gulde sagte zu, wartete aber vergeblich auf den Besuch des Angreifers. Allerdings schoss dieser fortan Tor um Tor. Offensichtlich habe es genügt, dass der Trainer mit dem Psychologen gedroht habe, sagt der Mentalcoach mit einem selbstironischen Schmunzeln. Dieses Beispiel verdeutlicht: Es muss nicht immer Profisport sein. Oliver Gulde berät auch Amateure.

Egal, ob Profi oder Freizeitsportler: „Unser Unterbewusstsein denkt in Bildern. Wir müssen die positiven Bilder in den Vordergrund rücken und lernen, negative Erlebnisse schneller abzuhaken“, rät der Mentaltrainer. Vor allem gehe es hier um eines: Spaß haben. Wollen vor sollen – so wie bei Nico Müller. „Ich gebe den Sportlern Werkzeuge an die Hand, damit sie es selbst hinbekommen.“ Wichtig ist freilich, dass sie selbst daran glauben und das Mentalcoaching nicht als irgendeinen Hokuspokus abtun.

„Mental-Prognose“ für die WM

Im Sommer findet ja ein nicht ganz unbedeutendes Fußball-Turnier in Russland statt, bei dem die deutsche Nationalmannschaft ihren WM-Titel von 2014 verteidigen möchte. Oliver Gulde ist da ein wenig skeptisch: Die Vergangenheit habe gezeigt, dass nach einem deutschen WM-Pokalgewinn das darauffolgende Turnier „fünf, sechs Plätze schlechter“ abgeschlossen worden ist. „Entscheidend wird sein, ob der extrinsische Druck, also der von außen, größer ist als der intrinsische.“ Als Beispiel nennt er das Weltturnier 2014, und hier das 1:7 der Brasilianer gegen Deutschland. „Das war ein typisches Beispiel dafür, dass der extrinsische Druck größer als der intrinsische war.“ Der Niederstettener glaubt nicht an eine erfolgreiche Titelverteidigung der Deutschen. „Maximal Halbfinale“, sagt er.

Oliver Gulde, seit kurzem auch Buchautor, hilft nicht nur anderen, ihre Ziele zu erreichen, sondern er hat natürlich auch selbst welche: „Bei Olympia 2020 in Tokio wäre ich gerne dabei.“ Und wenn das klappen sollte, darf sich der Mentalcoach vielleicht schon bald über eine olympische und nicht „nur“ über eine EM-Medaille eines Klienten oder sogar eines ganzen Teams freuen…