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Skispringen Karl Geiger zieht eine zufriedene Bilanz der 68. Vierschanzentournee / Gesamtsieger Dawid Kubacki gefeiert

Ein freudvoller Schlussstrich

Archivartikel

Bischofshofen.War das der Fluch des Bergisel, dieses windigen Hügels hoch über Innsbruck? „Der Bergisel kann nichts dafür. Der Bergisel ist der Bergisel“, sagt einer, der es wissen muss. Stefan Horngacher ist Österreicher, kommt aus Wörgl, ist Bundestrainer der deutschen Skispringer und hat gestern Abend gelassen Bilanz der 68. Vierschanzentournee gezogen: „Ich bin definitiv zufrieden. Karl ist eine super Tournee gesprungen. Mit seinem dritten Gesamtrang können wir uns wirklich sehen lassen.“ Doch es hätte am Dreikönigstag auch die Krönung Karl des Großen geben können. Hätte, hätte, Fehlerkette: Hätte Karl Geiger am Samstag in Innsbruck den Absprung im ersten Durchgang nicht verpasst, besseren Wind gehabt und nicht nur Platz acht erreicht, der 26-Jährige vom SC Oberstdorf . . .

„Das Ergebnis macht mich richtig glücklich. Es war die schönste Tournee, so gut war ich noch nie“, zog der derzeit beste deutsche Skispringer in Bischofshofen nach Platz zwei in der Tages- und Platz drei in der Gesamtwertung einen freudvollen Schlussstrich unter die Tournee 2019/20.

Hochspannung am Bergisel

Der Bergisel hatte vor 20 200 Zuschauern mit seiner kleinsten Tourneeschanze für die größten Veränderungen im Gesamtklassement gesorgt, vier Flieger waren mit Chancen auf den Gesamtsieg zum Showdown in den Pongau gereist: Der Pole Dawid Kubacki führte umgerechnet fünf Meter vor dem jungen Norweger und Innsbruck-Sieger Marius Lindvik, 7,3 Meter vor Karl Geiger und 7,6 Meter vor dem japanischen Titelverteidiger Ryoyu Kobayashi. Eine fulminante Flugshow vor 15 000 Schaulustigen.

Der deutsche Hoffnungsträger griff nach einem „Wischiwaschi-Tag“ (Geiger) mit Platz 16 in der Qualifikation an, legte der Konkurrenz im ersten Durchgang 140 Meter vor. „Das war ein toller Sprung“, kommentierte Stefan Horngacher. „Den haben die anderen aber auch gezeigt.“

Am Ende strahlte gestern Abend unter einem Feuerwerk der Tages- und Tourneesieger Dawid Kubacki vom Podest. „Ich bin einfach nur froh, dass ich es geschafft habe, ruhig zu bleiben“, sagte der 29-jährige Weltmeister von der Normalschanze nach seinem zweiten Weltcupsieg. 11,40 Meter lag er in der Gesamtwertung vor Lindvik, 12,8 vor Geiger. Dessen Ärger vom Samstag längst verraucht war.

Nach Platz 23 im ersten Durchgang war er „schon ziemlich auf 180 und genervt“. Der sonst so strukturierte Ingenieur Karl Geiger war in Innsbruck kurze Zeit so bockig wie der Bergisel. Nach einem starken zweiten Satz wurde es am Ende dennoch Platz acht – seine schlechteste Platzierung des Winters. Ausgerechnet am Bergisel, wo schon so viele deutsche Tournee-Träume geplatzt sind. Nach zehn zehrenden Tagen war es am Ende also Platz drei – mit dem Zusatz: „Innsbruck war schon sehr ärgerlich.“

Die anderen deutschen Adler flogen etwas hinterher: Markus Eisenbichler („Der Karl hat das souverän gemacht und sich nach Innsbruck nicht beirren lassen“) wurde 14., Stephan Leyhe kam auf Platz 18., Constantin Schmid wurde 20. und Pius Paschke landete auf Rang 28 – Moritz Baer war vor der Qualifikation in Bischofshofen erkrankt abgereist. Wenigstens Stephan Leyhe hatte etwas zu feiern: Der Vorjahresdritte der Tournee war am Sonntag 28 Jahre alt geworden und sagte über seinen Nachfolger: „Heute geht’s um Karl!“

Karl Geiger ist ein ruhiger Zeitgenosse. Der mit dem Trubel der Tourneetage umzugehen wusste – eine schöne Erinnerung an die WM 2019 in Seefeld, als der Vielflieger vom SC Oberstdorf Gold mit der Mannschaft und im Mixed sowie Silber von der Großschanze geholt hatte – zwei dieser Medaillen auf der Bergisel-Schanze. Der Sommer war dennoch ruhig. „Ich bin echt happy: Wenn ich ins Kino gehe oder essen, werde ich nicht groß belästigt.“ Gut möglich, dass sich das mit dieser außergewöhnlich spannenden Tournee 2019/20 nun ändert.

Lars Müller-Appenzeller ist Sportredakteur bei der „Heilbronner Stimme“, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite Kooperation von Sportredaktionen, die Beiträge austauschen. Auch diese Zeitung gehört zur „G14plus“.

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