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Leichtathletik Der überraschende WM-Titel für Niklas Kaul könnte der Beginn einer imposanten Zehnkampf-Karriere sein

Ein unfassbarer Coup

Doha.Es war eine historische Nacht in der Wüste Katars. Der Rahmen war laut und bunt und doch eher trist, was aber nichts an der Tatsache änderte, dass Deutschland wieder einen Zehnkampf-Weltmeister hat. Niklas Kaul aus Mainz krönte sich bei der WM in Doha völlig überraschend zum neuen König der Leichtathleten. Und es passte zu den Ungewöhnlichkeiten dieser Nacht, dass sie im Pool des deutschen Mannschaftshotels endete. Dazu später mehr.

Viele Stunden zuvor hatte der 21-Jährige im Khalifa-Stadion den besten zweiten Tag eines Zehnkämpfers gezeigt, den es je bei einer WM zu sehen gab. „Nach meinem zweiten Wurf mit dem Speer habe ich daran geglaubt, dass das hier was werden könnte“, sagte Kaul später in den Katakomben. Über die Schulter hing eine zerknitterte Deutschlandflagge, in den Händen hielt er seine Spikes. Da war er schon wieder ganz cool. Ruhig analysierte der Student seine Leistung und wirkte so gar nicht wie einer, der gerade als zweiter Deutscher nach Torsten Voss (1987 in Rom) Weltmeister geworden war. Die Uhr zeigte weit nach 2 Uhr morgens an. Nur die deutschen Journalisten lungerten noch in der Mixed-Zone herum. Der gewöhnungsbedürftige Zeitplan hatte den Start des abschließenden 1500-Meter-Laufs auf 0.25 Uhr Ortszeit terminiert. Zwar waren die Organisatoren diesmal bemüht gewesen, die Ränge zu füllen – eine lange Bus-Karawane hatte tausende Menschen antransportiert, Ordner standen vor den Toren und riefen „Free-Ticket-Day“. Bis auf eine Handvoll Unerschütterliche waren die meisten aber schon wieder gegangen, als Kaul sich mit einem überragenden 1500-Meter-Lauf zum jüngsten Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten krönte.

Was folgte, war ein Interview-Marathon. Immer und immer wieder musste Kaul erklären, was da gerade passiert war. Wie er es geschafft hatte, den verletzungsbedingten Ausfall des Top-Favoriten und Führenden Kevin Mayer (Frankreich) nach dem Stabhochsprung auszublenden. Wie er sich keine Schwäche erlaubte und 8691 Punkte sammelte. Wie er all die Gedanken an das „Was wäre wenn . . .?“ verscheuchte. Wie er seine Magenprobleme mit Saftschorle in den Griff bekam. Und wie er im zweiten Versuch den Speer auf unfassbare 79,05 Meter schleuderte – nie zuvor hat ein Athlet in einem Zehnkampf eine solche Weite erzielt.

Irgendwann hatte er das dann alles oft genug erzählt. Um 4 Uhr morgens kamen er, seine Kollegen Tim Nowak (der starker Zehnter geworden war) und Kai Kazmirek (der trotz des Ausfalls im Hürdenlauf den kompletten Zehnkampf absolvierte), die Betreuer und Trainer im Hotel an. Die Kugelstoßerin Christina Schwanitz gesellte sich dazu, immerhin hatte sie am gleichen Abend Bronze gewonnen und wollte mitfeiern.

Sonnenaufgang im Hotelpool

Die illustre Gruppe ergatterte tatsächlich noch eine Runde Bier an der Bar, was in dem streng islamischen Land keine Selbstverständlichkeit ist. Und dann ging es endlich ab ins Wasser. Das sei schon lange geplant gewesen, hatte Nowak verraten. Nach all den Quälereien, die ein Zehnkampf mit sich bringt. Also saßen die Sportler im Hotelpool und schauten zu, wie um 5.26 Uhr die Sonne über Doha aufging.

Viel Zeit zum Schlafen blieb danach nicht, denn das Fernsehen wollte um 9 Uhr eine Live-Schalte nach Doha zum neuen Weltmeister. Es folgten: Weitere Interviews und Termine. Auf Kauls Handy lief derweil eine Glückwunschnachricht nach der anderen ein. Zwischen 800 und 900 seien es innerhalb von zwölf Stunden gewesen erzählte Kaul. Und nein, realisiert habe er das alles noch nicht. „Dafür werde ich wohl noch ein, zwei Tage brauchen.“ Am Abend erfüllte sich dann einer seiner größten Träume, die ihn durch seine Karriere begleitet haben: Die deutsche Hymne wurde für ihn gespielt.

Zwei Wochen Pause werde er jetzt erst einmal machen, mindestens, sagte Kaul noch. „Und dann muss ich mal schauen, ob ich schon wieder Lust habe zu trainieren.“ Die Wahrscheinlichkeit dafür ist groß. In zehn Monaten wird in Tokio ein neuer Olympiasieger gesucht.

Der Autor dieses Beitrags, Andreas Kornes, ist Sportredakteur bei der „Augsburger Allgemeine“, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite lose Kooperation von Sportredaktionen, die gegenseitig Beiträge austauschen. Auch diese Zeitung gehört zur „G14plus“.

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