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Olympia Die Kanutin Birgit Fischer gewinnt bei den Sommerspielen 1980 ihre erste Goldmedaille, sieben weitere folgen

Einzigartige Karriere

Brandenburg.Die Diskothek im Olympischen Dorf von Moskau hatte es Birgit Fischer mit ihren damals 18 Jahren angetan. „Da konnte man sich bei besonderem Licht auf einer Couch in eine Ecke legen und richtig schön relaxen. Die Songs waren echt klasse in dem Musik-Tempel“, erinnert sich die erfolgreichste deutsche Olympionikin an ihre ersten Olympischen Spiele vor 40 Jahren.

Mit ihrem Sieg im Kajak-Einer startete der Teenager aus Brandenburg an der Havel am 1. August 1980 eine einzigartige Karriere, die Birgit Fischer als „Grande Dame“ 24 Jahre später bei den Spielen in Athen mit ihrer achten olympischen Goldmedaille krönte. Zudem stehen vier olympische Silbermedaillen für die heute 58 Jahre alte Rennkanutin zu Buche.

Bittere Zeit der Boykotte

Damit führt Birgit Fischer, die zwölf Jahre lang für den WSV Sandhofen startete, die Rangliste der erfolgreichsten Deutschen bei Olympia klar an, im Weltmaßstab ist sie mit ihrer Erfolgsbilanz immer noch Sechste und hinter der sowjetischen Turnerin Larissa Latynina (9 Mal Gold) die zweitbeste Frau. „Sportarten lassen sich schwer miteinander vergleichen, aber stolz macht mich das auf jeden Fall. Und die meisten meiner Medaillen habe ich mit starken Partnerinnen gewonnen“, sagt Birgit Fischer, die seit 20 Jahren im Örtchen Bollmannsruh am Brandenburger Beetzsee wohnt und seit 2004 ihr eigenes Unternehmen „KanuFisch“ leitet. Im selben Jahr gewann sie in Athen mit der Mannheimerin Carolin Leonhardt im Zweier Silber und im K 4 Gold. Sogar die Spiele in London 2012 nahm Fischer ins Visier, musste dann aber wegen Herz-Rhythmus-Störungen absagen.

Emotional reagiert Birgit Fischer, als es um den Boykott großer Sportnationen bei den Spielen geht. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan im Dezember 1979 hatte US-Präsident Jimmy Carter als Reaktion den Boykott der Spiele verkündet, dem sich über 40 Nationen anschlossen, auch die Bundesrepublik.

„Meine Konkurrentinnen waren in Moskau alle da. Da hat niemand boykottiert, der eine Chance auf das Treppchen gehabt hätte. Deshalb habe ich keine Sekunde daran gezweifelt, dass meine Goldmedaille nur halb so viel Wert sein könnte“, sagt Fischer voller Überzeugung. Vier Jahre später habe das im damals von den Osteuropäern beherrschten Kanusport ganz anders ausgesehen. „Agneta Andersson aus Schweden, die in Los Angeles zweimal Gold und einmal Silber gewann, hätte gegen die Konkurrenz aus Osteuropa Mühe gehabt, eine Medaille zu gewinnen. Das wusste sie auch ganz genau“, erinnert sich Fischer äußerst ungern an die Zeit der Boykotte.

Besonders geärgert hatte sie sich über die Begründung der DDR-Regierung und der Sportführung für den Boykott 1984. „Wir haben uns tierisch aufgeregt, als man uns sagte, unsere Sicherheit sei dort nicht gewährleistet. Wir haben damals gemeint: Dann fahren wir eben auf eigene Gefahr, aber das war natürlich unrealistisch. Das war eine politische Entscheidung“, weiß die zweifache Mutter und fügt hinzu: „Wir mussten damit leben. Das war Scheiße.“

Schon damals habe sie begriffen, dass „Boykotte niemandem nützen, nur Sportler traurig machen und einfach nur doof sind“. Sie hofft, dass nie wieder Sportkarrieren durch Boykotte einen Knick erhalten. „Hoffentlich haben alle da oben gemerkt, dass dies alles überhaupt nichts bringt.“

Mehr als nur Medaillen

Stolz ist Birgit Fischer aber nicht nur auf ihre riesige Medaillensammlung – neben den zwölf Olympia-Plaketten holte sie nicht weniger als 37 Mal Edelmetall bei Weltmeisterschaften (27/6/4) und erhielt dafür einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. „Irgendwie habe ich etwas richtig gemacht in meinem Leben. Ich habe während meiner Laufbahn – auch dank der Hilfe meiner Eltern – meine Kinder Ole und Ulla aufgezogen und zwei Studien abgeschlossen. Ich denke, das ist im Rückblick noch wichtiger als die Erfolge“, resümiert sie.

„Sie war ein Supertalent, das gibt es nur einmal in 100 Jahren“, konstatiert Jens Kahl, der Sportdirektor des Deutschen Kanu-Verbandes. „Es ist schwierig den Kindern heute zu sagen: So müsst ihr trainieren, dann werdet ihr auch so erfolgreich.“ Aber eine solche Motivation sei notwendig, wenn man ganz nach oben wolle. DKV-Präsident Thomas Konietzko freut sich, dass Birgit Fischer ihrem Sport immer treu geblieben ist: „Sie ist unsere Ikone. Bei jeder großen Regatta ist sie mit ganzem Herzen dabei und schläft dann auch mal in einer Jugendherberge.“ dpa/red

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