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Exklusiv Interview mit Pavel Gross, dem neuen Cheftrainer der Adler Mannheim

„Es geht nicht um Pavel Gross, sondern darum, was wir wollen“

Archivartikel

Langeweile? Für Pavel Gross ist das ein Fremdwort. Der neue Cheftrainer der Mannheimer Adler ist ein Macher, Müßiggang kennt er nicht. Es fällt ihm schwer, von Eishockey abzuschalten. Und so freut er sich eher auf die Herausforderung, die Adler mit seinem Team engster Vertrauten auf links zu drehen, statt die Phase des Umbruchs als eine Belastung zu sehen. Zur Ruhe kommt er nicht, wie er im Interview mit dieser Zeitung betont. Bei den Adlern stehen weitere Entscheidungen an, er befindet sich im Umzugsstress, sein Schwager heiratet - und ganz nebenbei feiert der neue starke Mann der Adler am Freitag seinen 50. Geburtstag.

Herr Gross, bis die Adler zum ersten Mal aufs Eis gehen, dauert es noch gut zwei Monate. Können Sie so lange ohne Eishockey leben?

Pavel Gross: Es ist ja nicht so, dass wir bis dahin untätig sind. Nein, wir haben in Mannheim noch ein paar strukturelle Dinge zu erledigen. Der Club ist gerade dabei, sich neu aufzustellen. Ich tausche mich täglich mit meinem Co-Trainer Mike Pellegrims und Manager Jan-Axel Alavaara aus. Wir wissen, was wir wollen.

Wird es neben Pellegrims einen zweiten Co-Trainer geben?

Gross: Wir besprechen das momentan intern, schauen nach links und rechts. Wenn noch jemand kommt, dann ein Mann mit Erfahrung.

Wie verfolgen Sie derzeit die WM in Dänemark?

Gross: Nur vorm Fernseher. Eigentlich wollte ich mal hochfahren, aber derzeit stehen andere Dinge an: Wir sind gerade dabei, unseren Umzug nach Mannheim über die Bühne zu bekommen, zudem steht die Hochzeit meines Schwagers an. Es ist aber nicht so, dass wir bei der WM nicht präsent wären. Axel wird vor Ort sein und sich vier, fünf Spiele anschauen.

In den vergangenen Monaten haben die Adler einen Neustart ausgerufen, wie zufrieden sind Sie mit dem bisher Erreichten?

Gross: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es viel zu verbessern gibt, das ist ja kein Geheimnis und wurde schon ausreichend kommuniziert. Es geht nicht nur darum, die Mannschaft zu verbessern, sondern auch das Team ums Team neu aufzustellen. Man kann zufrieden sein mit dem, was wir bislang angepackt und umgesetzt haben.

Bei den Transfers stechen die beiden Finnen ins Auge, was versprechen Sie sich von Tommi Huhtala und Joonas Lehtivuori?

Gross: Huhtala kann ein sehr, sehr unangenehmer Gegenspieler sein. Er bringt viel Energie aufs Eis und ist sich nicht zu schade, die Drecksarbeit zu übernehmen - so ein Typ wie Andrew Joudrey. Huhtala hat überhaupt keine Angst. Er geht dahin, wo es wehtut, kann in Unterzahl und in Überzahl direkt vor dem gegnerischen Tor spielen. Lehtivuori ist ein kreativer Verteidiger, der gut mit der Scheibe umgeht und läuferisch sehr stark ist. Er kann Eis fressen, wie man so schön sagt.

Wie viel Pavel Gross steckt schon in der neuen Adler-Mannschaft?

Gross: Es geht nicht um Pavel Gross, sondern darum, was wir wollen. Das ist auch so eine Sache, die ich mit meinem Team in Mannheim ändern will: Wir wollen gewinnen, wir wollen erfolgshungrig sein - nicht ich oder andere einzelne Personen. Das müssen wir in die Köpfe aller hineinbekommen. Die Mannschaft muss sich auf dem Eis und daneben als echte Einheit präsentieren.

Wie wichtig war Ihnen, dass Ihr langjähriger Vertrauter Mike Pellegrims mit Ihnen nach Mannheim gekommen ist?

Gross: Sehr wichtig. „Pelle“ hat als Cheftrainer in Klagenfurt und Düsseldorf den nächsten Schritt in seiner Entwicklung gemacht. Er hat den Trainerjob nun von einer anderen Seite kennengelernt, kann sich noch besser in mich hineinversetzen. Ich habe ihn nie als Co-Trainer bezeichnet, sondern als Partner, das ändert sich nicht. Jeder von uns wird ein bestimmtes Aufgabengebiet übernehmen. Ich halte nichts davon, dass jeder überall reinredet. Loyalität und blindes Vertrauen - diese beiden Begriffe charakterisieren unsere Zusammenarbeit am besten.

Es stehen mehr junge Spieler, mehr Eigengewächse im Adler-Kader. Was erwarten Sie von diesen?

Gross: Fakt ist: Der Sprung aus der Nachwuchsliga DNL in die DEL ist riesig, daher ist mir auch die enge Kooperation mit dem Zweitligisten Heilbronn so wichtig. Die jungen Spieler müssen sich jeden Tag verbessern wollen, und wir müssen mit ihnen Geduld haben. Dass eigene Talente im DEL-Team spielen, passiert nicht von heute auf morgen, wir wollen aber auf jeden Fall den einen oder anderen integrieren.

Welches Eishockey werden Sie in Mannheim spielen lassen?

Gross: „Pelle“ und ich stehen für laufintensives Eishockey. Die Spieler sollen Druck machen - mit und ohne Scheibe. Ist das modernes Eishockey? Ich weiß gar nicht, was modernes Eishockey ausmacht! Es gibt nur gewinnen und verlieren. Wir wollen, dass sich alle an unser System halten, dass jeder weiß, was er in welcher Situation machen muss.

Die ausländischen Spieler werden schon Mitte Juli und nicht erst Ende Juli in Mannheim erwartet. Warum?

Gross: Die Spieler sollen zu 100 Prozent bei der Sache sein, wenn sie mit dem Eistraining beginnen. In den ersten Wochen stehen die medizinischen Tests, Video- und Fotoaufnahmen an. Das sind alles Dinge, die sein müssen. Ich ziehe sie aber nach vorne, damit die Jungs beim Training dann voll konzentriert sind.

Wird vor dem Saisonstart noch ein Spieler dazustoßen?

Gross: Wir sind zufrieden mit dem, was wir haben. Wir haben uns in die Lage gebracht, nicht in Eile zu sein, halten aber die Augen offen.

Wie muss die neue Saison verlaufen, damit Sie nach deren Ende von einer erfolgreichen sprechen?

Gross: Was ist Erfolg? Ich weiß nicht, ob man diesen in Zahlen ausdrücken muss. „Pelle“, Axel und ich haben Dreijahresverträge unterschrieben. In dieser Zeit wollen wir etwas entwickeln. Wir starten im August, wollen uns im November verbessern, im Dezember die nächste Stufe erklimmen, um später in den Play-offs unser Topniveau zu erreichen. Ich kenne die Gesetze in Mannheim: Wenn du Erfolg hast, gibt es keinen besseren Arbeitsplatz in Eishockey-Deutschland. Wenn nicht, kann es ungemütlich werden.

Sie sagen, dass Sie nicht in der Vergangenheit leben wollen. Welche Erinnerungen haben Sie aber noch an Ihre Spielerzeit in Mannheim?

Gross: Ich habe hier die besten Jahre in meiner Spielerkarriere verbracht. Es ist toll zu wissen, was wir damals für eine Mannschaft in der Kabine hatten, wie das Team zusammengestellt wurde, welche Charaktere die Adler zu drei Meisterschaften in Folge geführt haben. Es gibt durchaus ein paar Punkte, die wir von damals ins Jetzt rübernehmen können. Das Eishockey ist in den vergangenen Jahren zwar schneller, technischer und physischer geworden. Die Eigenschaften, die ein Siegerteam von den anderen Mannschaften abhebt, sind aber immer noch die gleichen. 

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