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Skispringen Karl Geiger glaubt nicht mehr so recht an den Gesamtsieg bei der nun in Bischofshofen endenden Vierschanzentournee

Frust und (Vor-)Freude

Archivartikel

Bischofshofen.Jeder verarbeitet Frust anders. Der Norweger Halvor Egner Granerud reagierte nach dem Absturz von Innsbruck beleidigt und sagte dumme Sachen über Kamil Stoch. Auch Karl Geiger hat nach der dritten Station der Vierschanzentournee nur noch theoretische Chancen, wenn es am Dreikönigstag (16.45 Uhr/ZDF und Eurosport) in Bischofshofen um den Gesamtsieg geht. Aber der Allgäuer lenkte den Ärger zunächst auf sich – und machte am Sonntagabend mit Bundestrainer Stefan Horngacher eine ganz sachliche Analyse. Geiger trägt nicht umsonst den Spitznamen „Ingenieur“, hat ein abgeschlossenes Studium, darf sich „Bachelor of Engineering“ in Energie- und Umwelttechnik nennen. „Ich muss für mich verstehen können, was im ersten Durchgang passiert ist“, sagte der 27-Jährige am Tag nach seinem Systemabsturz.

Karl Geiger war nach dem Abrutschen auf den vierten Platz in der Gesamtwertung fuchsig, wie der sonst so gelassene Auftaktsieger von Oberstdorf zugab. „Gedampft“ habe er in der Kabine nach dem Wettkampf, sagte Stefan Horngacher über den Skiflug-Weltmeister. „Nach dem Abendessen habe ich ihm dann in der Videoanalyse erklärt, warum der erste Sprung elfeinhalb Meter kürzer war als der zweite, obwohl er keinen so großen Unterschied gespürt hat.“ Geiger fasste das Ergebnis sachlich als „Verkettung von verschiedenen Umständen“ zusammen.

Qualifikation am Dienstag

Klar ist auch, dass es genau dies, eine Verkettung von verschiedenen Umständen, beim Tourneefinale in Bischofshofen bräuchte, um noch auf den von Dawid Kubacki besetzten zweiten oder gar den in Innsbruck von Kamil Stoch eroberten ersten Platz springen zu können. Karl Geiger sagte es so: „Es müsste schon viel passieren, um die Polen da vorne noch abfangen zu können.“

Seine 24,7 Punkte beziehungsweise um die 14 Meter Rückstand sind mehr als eine Skisprungwelt. „Ich werde alles geben“, versicherte Geiger, „aber dabei den Blick auf die Gesamtwertung weglassen.“ Markus Eisenbichler hatte keinen Nachbearbeitungs- oder Besprechungsbedarf, so Horngacher: Der Fünfte der Gesamtwertung sagte vor der Qualifikation an diesem Dienstag (16.30 Uhr/ZDF und Eurosport): „Die anderen können auch Fehler machen. Ich werde mich selber nicht aufgeben, das ist einfach nicht in meiner Natur. Ich werde alles geben, nicht hirnlos, aber selbstüberzeugt skispringen.“

Nicht besonders geistreich waren die Sticheleien von Halvor Egner Granerud. „Ich habe das Gefühl, dass die Bedingungen die ganze Tournee für die Polen günstig waren. Es war furchtbar nervig, den siegreichen Kamil Stoch wiederzusehen“, sagte der Führende des Gesamtweltcups nach seinem 15. Platz am Bergisel und dem Abrutschen auf den dritten Gesamtrang dem norwegischen TV-Sender „TV2“. 20,6 Punkte aufzuholen, traue er sich im Übrigen zu, Stoch sei „so instabil“. Später twitterte der 24-Jährige: „Ich war frustriert mit meinem Ergebnis und das bin ich noch immer.“

Die Emotionen seien „hochgekocht“, er halte Kamil Stoch „noch immer für einen der ganz Großen“. Da lässt auch Stochs ehemaliger Trainer keine Zweifel aufkommen. „Kamil ist ein hundertprozentiger Profi, der alles dem Sport unterordnet, auch sein Privatleben“, sagte Stefan Horngacher am Montagmorgen in einer Videopressekonferenz – der Österreicher hatte die Polen drei Jahre lang geformt, das ganze Team zu Siegspringern gemacht: „Das sind tolle Sportler.“ Die Erfahrung haben: Der 33-jährige Stoch gewann die Tournee 2017 und 2018, der drei Jahre jüngere Kubacki 2020. Das lassen sich die beiden auch 2021 nicht nehmen, oder? „Wir machen einfach unseren Job wie an jeder Schanze“, sagte der Titelverteidiger am Sonntagabend. „Der Schlüssel ist, Spaß zu haben und nicht auf die Liste zu schauen. Das Ziel ist, dass wir Polen am Ende zusammen feiern.“

Es gibt wenig Schöneres, als Freude gemeinsam zu verarbeiten.

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