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Geschenk und Stresstest

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Situation der DHB-Auswahl

Solch eine Heim-Weltmeisterschaft ist ja nicht nur ein spannender Wettbewerb, sondern vor allem ein wunderbares Geschenk. Denn ein Turnier im eigenen Land bietet für die Sportart im Werben um Nachwuchs, Sponsoren und Medienpräsenz eine große Chance. Insofern steht für den Deutschen Handball-Bund (DHB) bei der WM viel auf dem Spiel. Erst recht, nachdem die Mannschaft zuletzt bei der Europameisterschaft in Kroatien enttäuschte und die Differenzen mit dem detailversessenen Bundestrainer Christian Prokop öffentlich wurden. Ein solch verheerendes Bild, das steht fest, darf die DHB-Auswahl nicht noch einmal abgeben. Der daraus resultierende Schaden wäre fatal, ja sogar irreparabel. Kurzum: Team und Trainer müssen diesmal zusammenhalten, Geschlossenheit demonstrieren – und nach Möglichkeit auch noch erfolgreich sein.

Stimmt die Chemie wirklich?

2019 um den WM-Titel und 2020 um Olympia-Gold spielen, lautete vor vier Jahren die Vorgabe, als der DHB einen knallharten Umbruch vollzog. Der Erfolg setzte mit EM-Titel und Olympia-Bronze 2016 deutlich früher ein, danach blieb er komplett aus, was die Mannschaft bei der WM 2017 in erster Linie ihrem Übermut zuschreiben musste. Nach starker Vorrunde unterschätzten die Deutschen den Außenseiter Katar und schieden aus. Sie und ihr danach scheidender Trainer Dagur Sigurdsson wurden für ein einziges schlechtes Spiel knallhart bestraft, worin der kolossale Unterschied zur EM 2018 mit dem neuen Coach Prokop besteht. Da gab es kein einziges gutes Spiel, da war die Stimmung schlecht, da passte die Kaderzusammenstellung nicht. Zwangsläufig stellen sich da zwei Fragen: Kann die Mannschaft überhaupt mit Prokop? Und kann Prokop Erfolg? Die nächsten Wochen werden darauf recht sicher eine klare Antwort geben.

Vier Vorrundensiege Pflicht

Fest steht: Mit Ausnahme von Frankreich ist gegen alle anderen Vorrundengegner Korea, Brasilien, Russland und Serbien ein Sieg Pflicht. Nichts anderes kann, nichts anderes darf angesichts der starken Rivalen in der darauf- folgenden Hauptrunde der Anspruch der Prokop-Auswahl sein. Es wird also relativ früh feststehen, ob es tatsächlich eine Neuauflage des Wintermärchens von 2007 geben kann.

Damals wurde Deutschland Weltmeister, auch weil die Mannschaft auf einer Welle der Begeisterung förmlich durchs Turnier ritt. Die Fans trugen das Team zum Titel. Kurzum: Wenn alles passt und der Wohlfühlfaktor stimmt, kann eine Heim-WM eine unglaubliche Dynamik entwickeln – und das Potenzial fürs Halbfinale hat die DHB-Auswahl allemal. Das Erfolgsjahr 2016 ist schließlich nicht allzu lange her und der EM-Titel war kein Zufall, wie anschließend die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Brasilien zeigte.

Seitdem hat sich die Zusammensetzung der Mannschaft kaum verändert – und auch die atmosphärischen Störungen zwischen Team und Trainer sind angeblich ausgeräumt. Ob Letzteres der Wahrheit entspricht, das ist die Kernfrage dieses Turniers. Denn eine Heim-WM ist nicht nur ein Geschenk, sondern vor allem auch ein Stresstest.

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