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Momente für die Ewigkeit (8) Als Deutschland 2007 Weltmeister wird – und die Spieler mit Krone und falschen Bärten Bundestrainer Heiner Brand würdigen

Hommage an den Handball-Kaiser

Archivartikel

Köln.Der Mann, dem diese schräge Maskerade gilt, möchte von seinen Spielern natürlich wissen, wer das mit den Schnurrbärten ausgeheckt hat. Doch Heiner Brand, dessen markanter Gesichtsschmuck nach dem mit 29:24 gegen Polen gewonnenen WM-Finale die Oberlippen der Handball-Champions 2007 ziert, trifft auf Ahnungslose. Christian Schwarzer erinnert sich: „Die Dinger lagen zusammen mit den goldenen Kronen plötzlich in der Kabine. Wir Spieler haben dann gerne zugegriffen. Da hatten sich aus dem Umkreis der Mannschaft einige Leute Gedanken gemacht, wie man im Fall der Fälle feiern könnte.“ In Köln. Bei der Heim-WM. Vor 19 000 Fans. Und durchschnittlich mehr als 16 Millionen TV-Zuschauern in der ARD.

Es gilt, angemessen zu feiern: Den ersten WM-Titel seit 1978, als der „Magier“ Vlado Stenzel neben einigen anderen Handball-Kämpen auch Brand gegen Russland auf den Thron führte. Fast drei Jahrzehnte später, am 4. Februar 2007 um 18.30 Uhr, steht nun dieses Idol aus Gummersbach bereit, bescheiden in der dritten Reihe hinter den neuen Handball-Helden platziert, um die Trophäe des Weltverbandes in Empfang zu nehmen. Anders als Stenzel damals trägt er keine goldene Bastelei auf dem Haupt, das hätte ihm nicht behagt, und sein Schnauzbart ist natur. Doch seine Spieler finden Gefallen an diesen speziellen Symbolen. Sie sind jetzt alle Heiner. Als Erster fasst der Kapitän, Markus Baur, die schwere Beute an, und es dauert eine Weile, bis sich der Kreis für Brand schließt. Weltmeister als Spieler und als Trainer – das ist vor ihm nur Franz Beckenbauer gelungen.

Mit der Hommage an ihren Trainer, den Handball-Kaiser, drücken die Spieler ihr besonderes Verhältnis zum einstigen Abwehrchef des VfL Gummersbach und der Nationalmannschaft aus. Dabei war längst nicht alles Friede, Freude, Pizzateig im Innenverhältnis. Es gab sogar den einen Moment, als die Mission auf der Kippe stand, und letztlich auch die Beziehung von Brand zu seinen späteren Weltmeistern. Die Spieler hatten nach der Vorrundenniederlage gegen Polen ein Pizzataxi ins Hotel nach Halle bestellt, und das fand Brand gar nicht lustig.

„Es hört sich irre an“, erinnert sich der damals 37 Jahre alte Schwarzer, „aber der Moment, als Heiner sagte, wir könnten ihm morgen zeigen, ob das gerechtfertigt war, hat einen großen Teil unseres Erfolges ausgemacht.“ Jeder habe gewusst: „Wenn das Ding schiefgeht, wird man kein Freund mehr von Heiner Brand.“

Anderntags beginnen sie eindrucksvoll damit, eine Freundschaft fürs Leben zu ermöglichen. Im Gerry-Weber-Stadion fegen sie mit 35:29 über die Slowenen hinweg und zeigen dabei jene Hingabe, für die Brand seinen Routinier Christian Schwarzer zehn Minuten vor Nominierungsschluss gerade noch rechtzeitig für die Vorrundenpartie gegen Polen nachverpflichtet hatte.

Verrückte Nachnominierung

Das ist die wohl verrückteste Geschichte dieser WM, denn Schwarzer hatte das Turnier als Experte des ZDF begonnen. Doch beide Kreisläufer Sebastian Preis und Andrej Klimowets waren angeschlagen. Der Anruf des Bundestrainers erreicht Schwarzer im Auto. „Er sagte: Blacky, entschuldige, ich habe Dich gerade nachnominiert. Ich hoffe, Du kannst morgen früh zu uns ins Hotel kommen.“ Für einen vorherigen Austausch war keine Zeit mehr gewesen.

Aber „Blacky“ kann ja und will auch. Trägt die Nummer 41 seines Kumpels Dirk Nowitzki. Ist fortan neben Spielmacher Markus Baur ein verlängerter Arm des Trainers. Stürzt Deutschland in einen nie zuvor erlebten Handball-Rausch.

Auf der Tribüne in Köln klatscht sich sogar Bundespräsident Horst Köhler die Hände heiß – denn dieses Halbfinale gegen Frankreich mit zweimaliger Verlängerung und 32:31-Happy-End bietet wahrhaft epische Dramatik. Und die Schnurrbärte nach dem Finale? Kleben nicht wirklich fest und landen bei den meisten Spielern schon während der wilden Champagnerduschen auf dem Boden. Es gibt eben nur einen Heiner Brand.

Es sind Bilder, die verknüpft sind mit einem großen Sportereignis. Eingefrorene Momente, die für Millionen von Menschen einen Triumph, ein Gefühl, ein Stück Sportgeschichte für immer abrufbar machen – auf einen Blick: „Momente für die Ewigkeit“. So hat die Redaktions-Kooperation „G14plus“ ihre Serie genannt, in der Reporter dieser Zeitungen die Geschichten dieser Bilder erzählen. Auch diese Redaktion ist Mitglied in der „G14plus“.

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