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Fußball Olympique Lyon hat die Vormachtstellung in Frankreich längst verloren – doch die Erwartungshaltung ist noch immer hoch

Im Schatten von Paris

Lyon.Sieben Jahre lang war Olympique Lyon d e r Fußball-Club in Frankreich. Mit Stars wie dem brasilianischen Freistoß-Künstler Juninho, Giovane Elber oder Sidney Gouvou gewann die Mannschaft aus dem Department Rhone von 2002 bis 2008 sieben Meisterschaften in Serie, 2010 gelang mit dem Halbfinaleinzug in der Champions League der größte internationale Erfolg. Vater des Erfolgs war Unternehmer Jean-Michel Aulas, der noch heute Vereinschef ist.

Mit dem Bau der 410 Millionen Euro teuren 60 000-Zuschauer-Arena am Stadtrand erfüllte sich Aulas 2016 einen großen Traum. Doch die nationale Vormachtstellung hat Olympique mittlerweile an den Scheich-Club Paris St.-Germain verloren, obwohl Aulas regelmäßig gegen die Pariser stichelt. Aktuell beträgt der Rückstand des Tabellenvierten der Ligue 1 auf den Spitzenreiter aus der Hauptstadt stattliche 15 Punkte. Das letzte Duell gegen die Elf von Coach Thomas Tuchel endete am 7. Oktober 0:5.

Dennoch ist Lyon ein guter Name in Europa geblieben. Der einzige börsennotierte Verein Frankreichs gilt als renommierte Talentschmiede. Stars wie Karim Benzema (Real Madrid), die Weltmeister Samuel Umtiti (FC Barcelona) und Hugo Lloris (Tottenham Hotspurs) sowie Bayern-Profi Corentin Tolisso stammen aus der Jugend von Olympique, dessen Damenteam bereits fünf Mal die Königsklasse der Frauen gewonnen hat. Zu den Leistungsträgerinnen zählt auch Deutschlands Topspielerin Dzsenifer Marozsan.

Sticheleien gegen Scheich-Club

Noch immer sind die Erwartungen in der drittgrößten Metropole Frankreichs, deren Altstadt zum Weltkulturerbe zählt, enorm. Das bekommt vor allem Trainer Bruno Genesio zu spüren. Der 52-Jährige, der seit Januar 2016 im Amt ist, muss ständig um Anerkennung kämpfen.

Selbst die Qualifikation für die Champions League brachte ihm im vergangenen Sommer keine Ruhe. Der frühere Co-Trainer bleibt aufgrund der Ligaschwäche umstritten. Der Schatten seiner berühmten Vorgänger Gérard Houllier, Raymond Domenech oder Aimé Jacquet ist riesig.

Dabei muss der akribische Genesio sein Team immer wieder neu strukturieren. Vor einem Jahr verließ Rekordtorschütze Alexandre Lacazette die Franzosen zum FC Arsenal London. In diesem Sommer stand Nabil Fekir kurz vor einem 60-Millionen-Euro-Transfer zum FC Liverpool, aktuell soll der FC Bayern München um den Weltmeister buhlen. Fekir, der beim 3:3 in Sinsheim vor zwei Wochen aufgrund einer Knöchelverletzung fehlte, ist der Dreh- und Angelpunkt des Olympique-Spiels. Am Wochenende feierte der Kapitän beim 1:1 gegen Bordeaux seine Startelf-Rückkehr mit einer Torvorlage für seinen potenziellen Nachfolger Houssem Aouar. „Fekir ist die zentrale Figur. Ihn muss man ausschalten“, betont Nigerias WM-Trainer Gernot Rohr. Der Mannheimer lebt seit Jahrzehnten in Frankreich.

Bisher trugen drei Deutsche das Trikot von Lyon. Thomas Pfannkuch, Kurt Lindner und Thomas Remark. Der Stürmer, der von 1983 bis 1986 56 Spiele für den SV Waldhof absolvierte, stand in der Saison 1986/87 an der Rhone unter Vertrag. Heute trainiert der mittlerweile 59-Jährige, dessen Waldhof-Höhepunkt sein Dreierpack im Bundesliga-Match gegen den VfB Stuttgart am 9. Oktober 1985 war (5:3), den A-Ligisten VfL Oberbieler im Westerwald.

„Wie ein K.o-Spiel“

Die wichtigsten Partien des Jahres sind für die Olympique-Fans die Derbys gegen Rekordmeister AS St. Etienne. 50 Kilometer liegen zwischen beiden Städten. Doch im Moment zählt einzig und allein das Duell (21 Uhr/live bei DAZN) mit Hoffenheim. Die Champions League ist der Wettbewerb, in dem Lyon am besten dasteht. Als Gruppenzweiter mit fünf Punkten aus drei Partien belegt das Team von Genesio Platz zwei – mit einem weiteren Dreier wäre der Einzug ins Achtelfinale wohl so gut wie geschafft. Und diesen Erfolg braucht Genesio unbedingt, um dem Anspruchsdenken des Clubs, der mit durchschnittlich 46 000 Zuschauern der Fan-Krösus in der Grande Nation ist, gerecht zu werden.

„Man darf nie aufgeben und muss immer weiter machen“, gibt sich der „OL“-Coach kämpferisch. „Das Spiel gegen Hoffenheim ist wie ein K.o.-Match. Wer das Duell gewinnt, hat das Weiterkommen in der eigenen Hand.“ Auch Nabil Fekir spricht von einem Match „mit Finalcharakter“. Der Spielführer kennt die Stimmung im Umfeld des Clubs genau. „Unsere letzten Partien waren sehr mittelmäßig. Jetzt müssen wir Wiedergutmachung betreiben. Die Champions League ist genau die richtige Bühne dafür.“