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Gewichtheben SV Obrigheim wurde erneut Deutscher Vize-Mannschaftsmeister / Titelfavorit AV Speyer wankte zwar kurz, holte dann aber doch den vierten Titel in Serie

In diesem Wettkampf war einfach nicht mehr möglich

Archivartikel

Der Favorit wankte, aber er fiel nicht: Der AV Speyer hat in Samswegen mit 905 erzielten Relativpunkten zum vierten Mal hintereinander die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft der Gewichtheber.

Der SV Obrigheim, mit großen Hoffnungen nach Sachsen-Anhalt gereist, ließ nichts unversucht, um nach 2003, 2008 und 2013 erneut den Titel zu holen. „Unsere Jungs haben großartig gekämpft“, sagt Manuel Noe, der Sportliche Leiter. Belohnt wurden sie mit 890 Punkten - zu wenig, um die Pfälzer Seriensieger zu stoppen. „Schade“, befand Ex-Teamchef Edmund Ehrmann, „Speyer wäre zu schlagen gewesen“. Noe sah‘s ähnlich: „Wer weiß, ob sich so bald wieder eine solche günstige Gelegenheit auftut.“

Doch die Umstände gaben nicht mehr her: Die Brüder Matthäus und Ruben Hofmann fielen verletzt aus, Alexander Oberkirsch war schwer angeschlagen, Jakob Neufeld hatte durch die Folgen einer Grippe noch Trainingsrückstand, Alejandro Gonzalez schleppte sich ausgepowert auf die Bühne – es summierten sich am Ende zu viele Unpässlichkeiten, die einen Triumph verhinderten. „Im Reißen gingen ungewöhnlich viele Fehlversuche daneben, das hatten wir uns anders vorgestellt“, benennt Noe einen Knackpunkt. Schmerzhaft im doppelten Sinne war der Auftritt von Ex-Nationalheber Oberkirsch, der nur den ersten Versuch mit 120 Kilo in die Wertung brachte – 15 Kilo unter seinem Rundenrekord und zehn Kilo weniger als geplant.

Vorwürfe mochte dem Mann aus Berlin niemand machen. Seit Monaten leidet er unter Schulterbeschwerden, probierte nach mehr als viermonatiger Wettkampfpause dennoch ein Comeback. Im Stoßen löste ihn der angehende Polizist Adrian Müller ab, der ebenfalls keine optimale Vorbereitung hatte: Nach dem Ende seiner Nachtschicht fuhr er erst am frühen Morgen nach Samswegen, schlüpfte in seine Sportklamotten und hob drei Mal gültig. Ein Beispiel für „unseren starken Teamgeist“, den Noe hervorhebt.

Der Wille war stark, die Leistung letztlich aber zu schwach, um das Dreierfinale als Erster zu beenden. Dabei verabschiedete sich der SSV Samswegen früh aus dem Titelrennen: Der Pole Damian Wischniewski scheiterte im Reißen drei Mal an 120 Kilo. Durch sein Loch fehlten dem Gastgeber rund 60 Punkte. Das Mannschaftsresultat von 831,7 Punkten lässt erahnen, dass Samswegen ohne das Missgeschick ihres sportlichen Gastarbeiters wohl bis zum Ende um Gold gekämpft hätte. „Wir haben uns so teuer wie möglich verkauft, aber der Rückstand war nach dem Reißen nicht mehr aufzuholen“, sagte Robert Joachim. Mit dem Vize-Europameister (179 Punkte) und dem tschechischen Superschwergewichtler Jiri Orsag (171 Punkte) stellte der SSV Samswegen den zweit- und drittbesten Heber des Wettkampfs.

Nico Müller gewohnt souverän

Noch stärker war nur Nico Müller, der vier Wochen nach dem Gewinn des EM-Titels in Bukarest ohne Fehler blieb und 180 Punkte zum Obrigheimer Teamertrag beisteuerte. „Er hätte sicher noch ein paar Kilo drauf packen können“, sagt Noe.

Das war aber – leider – nicht nötig. Alejandro Gonzalez, mit dem Müller den letzten Block bildete, hatte nach gültigen 165 Kilo um zehn Kilo gesteigert und die Last zur Hochstrecke gebracht. Das Kampfgericht entschied jedoch auf ungültig wegen Nachdrückens. Im dritten Anlauf steigerte der Spanier nochmals auf nun 180 Kilo - das wären auf einen Stoß 15 Punkte mehr und zu diesem Zeitpunkt die Führung für Obrigheim gewesen. Zwar nur um einen Punkt, aber Nico Müller hätte sie deutlicher ausbauen können, während für Speyer die dreimaligen Olympia-Starter Jürgen Spieß und Almir Velagic als Nächste an der Reihe waren. Es bleibt Spekulation, wie sie mit diesem Druck zurechtgekommen wären. „Die Obrigheimer saßen uns mächtig im Nacken“, gesteht Velagic.

Nachdem Gonzalez die 180 Kilo vorzeitig zu Boden fallen ließ, war das Finale jedoch entschieden. „Alejandro hat sich voll in den Dienst der Mannschaft gestellt und trotz seiner körperlichen Problem alles reingehauen“, betont Noe, der auch mit dem zweiten Spanier, Acoran Hernandez und dessen Leistung von 161 Punkten „sehr zufrieden“ war.

Es bleibt der Konjunktiv: Um Speyer zu besiegen, hätte jeder Obrigheimer einfach ein paar Kilo mehr stemmen müssen. Jakob Neufeld rackerte wie eh und je, aber seine dritten Versuche misslangen, so fehlten zehn Punkte im Plan. „Es war ein enger Wettkampf, Speyer am Ende cleverer“, resümiert der Routinier. Auch der starke Marius Oechsle - fünf gültige Versuche, 137 Punkte - vergab durch einen Fehler im Reißen drei Punkte. Sie waren nicht entscheidend, das Beispiel aber ist symptomatisch: Obrigheim hob im Finalkampf zwar stark, aber nicht stark genug, um den vierten Meistertitel in der Vereinsgeschichte zu gewinnen.

Gefeiert haben die Heber und die rund 70 Anhänger, die in Samswegen dabei waren, natürlich trotzdem. Nach kurzer Nacht hatte Teamchef Noe die Niederlage ziemlich gut verdaut. Sein Fazit: „Wir haben nicht den Titel verloren, sondern die Vizemeisterschaft gewonnen.“