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Liga der Langeweile

Archivartikel

Er kam, sah und siegte nicht nur, sondern sorgte auch noch für einen zeitweisen Frieden zwischen den Vereinsbossen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Trainer Jupp Heynckes entpuppte sich erneut als Glücksfall für den FC Bayern, als er im Herbst sein Rentnerdasein beendete und den Club nach dessen desillusionierendem Saisonstart aus der Patsche half. Der 72-Jährige führte die Mannschaft zur souveränen Meisterschaft. Dass das spannendeste Thema in Deutschlands Fußball momentan allerdings die Frage ist, wer denn auf Heynckes beim Rekordmeister folgt, sagt auch viel über die Bundesliga aus. Selbst eine in die Jahre gekommene und längst nicht so stabile Bayern-Mannschaft wie in den vorherigen Spielzeiten wird wieder mit einem riesigem Vorsprung Meister. Das ist langweilig – und ein Armutszeugnis für die Liga.

Englands Einfluss spürbar

Insbesondere die Flucht der Stars nach England macht der deutschen Eliteklasse mehr zu schaffen, als sie es selbst erwartet hatte. Dazu reicht ein Blick auf die Bundesliga-Torjägerliste: Weit hinter Robert Lewandowski folgen Nils Petersen, Mark Uth und Alfred Finnbogason – das klingt jetzt nicht nach Weltklasse. All die einstigen Attraktionen sind aber nicht mehr da. Kevin de Bruyne, Ilkay Gündogan, Leroy Sané, Henrich Mchitarjan, Pierre-Emerick Aubameyang, Granit Xhaka oder Sead Kolasinac – um nur die Prominentesten zu nennen – haben Deutschland seit 2015 Richtung britische Insel verlassen. Dort arbeiten auch die früheren Bundesliga-Toptrainer Pep Guardiola und Jürgen Klopp. Mit Julian Draxler und Ousmane Dembélé gingen weitere Stars nach Barcelona und Paris.

Einzig der FC Bayern ist im Moment noch in der Lage, seine Leistungsträger zu halten. Aber nicht umsonst kokettiert Robert Lewandowski mit einem Wechsel, die Unterforderung in der Liga ödet ihn an. Wie lange bleibt der Pole also noch? Und noch spannender wird die Frage, welche Nachfolgelösungen die Münchner für die alternden Stars Franck Ribéry und Arjen Robben finden. Mit den Summen der englischen Clubs können die Bayern nicht mithalten – und für kreative Lösungen wie einst Dortmund mit Dembélé oder Liverpool mit Sadio Mané war der Rekordmeister zuletzt nicht bekannt.

Die großen Bayern-Fragen

Und dann wäre da noch die Trainerfrage: Nach der Tuchel-Absage steht der Club unter Druck und der nach dem Heynckes-Antritt beschworene Zusammenhalt von Rummenigge und Hoeneß auf tönernen Füßen. „Es schießt eine Kanone, die heißt Karl-Heinz Rummenigge“, kündigte Hoeneß im November an, sich in die zweite Reihe zu stellen. Ein Jahr zuvor hatte er sogar behauptet, sich nicht mehr in alles einmischen zu wollen. Wie alle wissen, kam es ganz anders. Hoeneß kann eben nicht loslassen. Das schreckte Philipp Lahm bei der Sportdirektoren-Suche ab. Und das sorgte für Tuchels Absage.

Der wieder aufkeimende Zwist der Bosse dürfte in den kommenden Monaten einen gewissen Unterhaltungswert haben – und leider sogar das spannendeste Thema der nächsten Saison werden.