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Der EM-Chef Philipp Lahm soll als Gesicht des Turniers in Deutschland durch die Stadien reisen – und gilt bereits als kommender DFB-Präsident

Nächster Schritt im Karriere-Plan

Archivartikel

Nyon.Man kann sich gut vorstellen, wie Philipp Lahm (Bild) im Sommer 2024 mit dem Hubschrauber kreuz und quer über Deutschland fliegen wird. In einer wilden Hatz von Spielort zu Spielort – wie einst Franz Beckenbauer in der zum Märchen verklärten WM-Zeit 2006. Mit seinem Job als wichtigster Botschafter der deutschen Kandidatur für die EM in sechs Jahren hat Lahm die damalige Position Beckenbauers als zentrale Werbefigur des Deutschen Fußball-Bundes eingenommen.

Nach dem Zuschlag durch die UEFA-Exekutive im Zweikampf gegen die Türkei wird der WM-Kapitän von 2014 auch die Funktion des EM-Cheforganisators übernehmen, als weitere Parallele zu Beckenbauers Aufgabe beim vorerst letzten großen deutschen Heimturnier. „Philipp Lahm hat als Botschafter bislang einen hervorragenden und engagierten Job gemacht, und ich bin überzeugt, dass dies auch über den 27. September hinaus der Fall sein wird“, sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel.

Im Vergleich zur dereinst noch nicht von Skandalen beschädigten internationalen Reputation des Kaisers mag Lahm jetzt noch ein Kaiserchen sein. Doch wer den Karriereplan des jüngsten DFB-Ehrenspielführers seit der Triumph-Nacht von Rio de Janeiro 2014 verfolgt, erkennt eine große Zielstrebigkeit im Fußball-Business und außerhalb davon.

Auf der Homepage beschreibt das Organigramm der Philipp-Lahm-Holding Beteiligungen an fünf Unternehmen, von der Deutschen Sport-Lotterie bis zum Naturkost-Produzenten Schneekoppe. Und mit dem beim Außerordentlichen DFB-Bundestag im Dezember 2017 fixierten Engagement als EM-Botschafter übernahm der Münchner nur ein halbes Jahr nach Ende der aktiven Karriere beim FC Bayern wieder eine wichtige Funktion in der Fußball-Welt.

„Ich bin 34 Jahre alt. Ich habe hoffentlich noch viel vor mir in meinem Leben“, sagte Lahm im Mai zu einer möglichen Rückkehr zu den Bayern – viel wahrscheinlicher ist aber nun eine dauerhafte Karriere beim DFB. Noch reagierte Lahm mit einem Lachen auf die Frage in einem „FAZ“-Interview, ob er einmal Präsident des Verbandes werden wird. Und schob einen vielsagenden Satz nach: „Das ist noch lange hin“.

Nicht wenige hatten ihn schon im vermaledeiten WM-Sommer als schnellen Nachfolger für den in der Özil-Affäre lange irrlichternden Grindel genannt. Sollte der DFB die EM nicht bekommen und Grindel als DFB-Chef nicht mehr zu halten sein, würde sein Name sehr schnell wieder fallen. Insider meinen aber: Lahm würde Bedingungen stellen, wie eine Strukturreform des DFB inklusive Umwandlung des Präsidentenpostens vom Ehrenamt zum bezahlten Spitzenjob. Insofern ist Lahm weiter in einer guten Position.

Waren Lahms Aussagen als WM-Experte der ARD im Sommer noch so seicht wie der Tegernsee vor dem er saß, so pointiert waren die viel beachteten Ratschläge für Joachim Löw nach dem WM-Debakel. Dass der Bundestrainer verwundert bis pikiert über die Wortwahl seines von ihm einst zum „Weltfußballer des Jahrzehnts“ ernannten Lieblingsspielers war, störte Lahm nicht. „Aber ich werde mich auch in Zukunft immer wieder einbringen, wenn ich etwas beitragen kann. Das gehört zu meinem Selbstverständnis, dass man Verantwortung übernimmt, das habe ich auch als Spieler schon so gehandhabt“, sagte er der „FAZ“.

Nach dem EM-Zuschlag gestern in Nyon jubelte Lahm verhalten. „Wenn man gewinnt, das habe ich als Sportler immer festgestellt, gibt es auch irgendjemanden, der verliert. Und man muss auch den Verlierern immer wieder Respekt zollen“, sagte er. dpa