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„Natürlich kann der Sport nicht apolitisch sein“

Archivartikel

Mit dem gesamtkoreanischen Auftritt bei den Winterspielen von Peyongchang hat das Internationale Olympische Komitee einen lange nicht für möglich gehaltenen Prozess in Gang gesetzt. IOC-Präsident Thomas Bach blickt im Interview mit dem "Mannheimer Morgen" auf die Entwicklung zurück, lobt die Kompetenz in Deutschland und der Region, was die Ausrichtung Olympischer Spiele angeht und blickt beim Thema e-Sport in die Zukunft.

Herr Bach, vergangenes Jahr haben Sie beim John-Deere-Forum gesprochen, jetzt waren Sie beim Maimarkt-Turnier zu Gast. Was verbindet Sie mit Mannheim?

Thomas Bach: Ich war schon öfter beim Maimarkt-Turnier und folge immer gerne der Einladung meines Freundes Peter Hofmann. Damit kann ich beides verbinden: die Nähe zum Sport und zur Reiterei und einen Freund wiederzutreffen.

Wie lange kennen Sie sich schon?

Bach: Oh, das müssten so 20 Jahre sein oder noch länger. Seitdem ist die Freundschaft gewachsen. Der Maimarkt und das Turnier sind beides namhafte Veranstaltungen und es ist beeindruckend zu sehen, dass hier 26 Nationen am Start waren. Aber es geht nicht nur um die Anzahl, sondern auch um die Qualität der Reiterinnen und Reiter. Es ist unter Peter Hofmanns Ägide zu einem international sehr renommierten Turnier geworden.

Mannheim hatte sich gemeinsam mit Stuttgart für die Sommerspiele 2012 beworben. In Mannheim sollten die Reitwettbewerbe stattfinden. War man damals seiner Zeit voraus, als man das Know-how und die vorhandenen Sportstätten hier nutzen wollte? Und stünden die Chancen jetzt mit der Agenda 2020 besser, die ja den Gigantismus eindämmen soll?

Bach: Das Konzept war damals schon stimmig und wäre es heute mit unserer Agenda 2020 noch mehr, weil wir sagen, man soll so weit wie möglich auf existierende Sportstätten und Expertise zurückgreifen. Das war damals schon Teil der Überlegungen. Was die Zukunft anbetrifft: Wir haben die Sommerspiele 2024 nach Paris und 2028 nach Los Angeles vergeben. Aber ich freue mich ganz besonders, dass in Deutschland der Gedanke an Olympische Spiele wieder wächst und blüht. Derzeit sind die Überlegungen wohl im Ruhrgebiet am weitesten. Aber wenn in anderen Regionen und noch dazu in meiner baden-württembergischen Heimat neue Initiativen kämen, dann würde mich das natürlich freuen.

Eine deutsche Bewerbung ist Zukunftsmusik, genau wie es eine gesamtkoreanische Teilnahme an den Winterspielen in Pyeongchang im Februar lange Zeit war. Hätten Sie im Traum daran gedacht, was sich aus dem gemeinsamen Einzug beider koreanischer Mannschaften zur Eröffnungsfeier der Winterspiele entwickelt?

Bach: Wir hatten nach den Vorgesprächen schon Anzeichen dafür, weil wir mit beiden Regierungen und beiden Nationalen Olympischen Komitees gesprochen haben. Dieser Prozess hat sich über Jahre hinweg gezogen. Diese Tendenz hat sich dann auch in meinen Gesprächen nach den Olympischen Spielen sowohl mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon als auch mit dem nordkoreanischen Leader Kim Jong-un, bestätigt. Insofern hat man schon ein Gefühl gehabt, dass das nicht als Eintagsfliege geplant war, sondern dass es der Auftakt, der Test werden sollte. Das ist ja mit dem gemeinsamen Einmarsch auch geglückt.

Lief da alles so reibungslos ab?

Bach: Die letzte Entscheidung über den gemeinsamen Einmarsch konnten wir erst vier Stunden vor der Eröffnungsfeier treffen. Bis dahin hatte ich drei verschiedene Versionen meiner Eröffnungsansprache vorbereitet. Es hätte sich wirklich bis zum Ende in alle Richtungen entwickeln können.

Die Entwicklung in Korea zeigt, dass der Sport als Katalysator wirken kann. Insofern darf man den Sport aber doch nie isoliert betrachten, wie das immer wieder gefordert wird.

Bach: Natürlich kann der Sport nicht apolitisch sein. Wir leben inmitten einer Gesellschaft und wir können uns nicht isolieren. Die Welt wird regiert von Politikern. Damit es internationalen Sport und damit es solche Möglichkeiten wie in Korea geben kann, müssen wir auf der anderen Seite politisch absolut neutral sein. Das war auch entscheidend in Gesprächen mit Nord- und Südkorea. Wir haben immer gesagt, wir bewerten nicht politisch, sondern bieten die Voraussetzung, dass beide Nationen an den Winterspielen teilnehmen können. An dieser politischen Neutralität hätte übrigens alles noch scheitern können, da eine Version der für die Eröffnungsfeier vorgesehenen koreanischen Vereinigungsfahne eine kleine Insel zeigt, die zwischen Japan und Korea strittig ist. Deswegen mussten wir durchsetzen, dass diese Insel nicht auf der Flagge erscheint. Das wurde erst vier Stunden vor der Eröffnungsfeier definitiv akzeptiert.

Sie haben die Neutralität angesprochen. Ihnen selbst wird immer wieder Ihre Nähe zu Russland vorgeworfen. Wie stehen Sie zu diesen Vorhaltungen?

Bach: Es steht jedem frei zu spekulieren und was da einige - insbesondere in Deutschland - immer wieder veranstalten, liegt an denen. Was wir machen müssen und auch im Verhältnis zu Russland gemacht haben, ist, die politische Neutralität zu wahren. Das heißt, sich nicht in politische Diskussionen des Verhältnisses der westlichen Welt oder Deutschlands zu Russland ziehen lassen. Die erwiesene Manipulation des Anti-Doping-Systems in Russland haben wir hart sanktioniert. Russland wurde von den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang ausgeschlossen. Die russische Seite hat den zugrundeliegenden Untersuchungsbericht, der diese systematische Manipulation feststellt, anerkannt. Sie hat sich dafür entschuldigt. Sie hat 15 Millionen Dollar bezahlt. Der Ausschluss von den Spielen ist die härteste Sanktion, die wir aussprechen können. Die Reaktionen in der russischen Bevölkerung und im russischen Parlament waren scharfe Attacken gegen uns.

Als Trotzreaktion wurde über russische Winterspiele nachgedacht.

Bach: Vielleicht haben wir dann ja doch etwas richtig gemacht, wenn man von beiden Seiten attackiert wird. Wir haben das Anerkenntnis und die Entschuldigung durchgesetzt. Wer die russische Mentalität kennt, weiß, wie hart es das Land getroffen hat, dass keine russische Mannschaft an diesen Spielen teilgenommen hat. Jetzt nach Verbüßung der Strafe müssen wir nach vorne schauen und ihnen den Weg für die Zukunft öffnen.

Wie geht es denn weiter?

Bach: Russland bemüht sich um die Wiederanerkennung seiner Nationalen Anti-Doping Organisation durch die Welt-Anti-Doping Agentur Wada. Derzeit beaufsichtigt die Wada das russische Anti-Doping-System. Russland hat durch ein neues Gesetz Doping, insbesondere im Umfeld der Athleten, unter Strafe gestellt. Die Verantwortlichen sind ausgetauscht worden. Für russische Athleten werden mit internationalen Experten Präventionsmaßnahmen durchgeführt. Diese Wiederzulassung liegt in der alleinigen Zuständigkeit der Wada.

Lassen Sie uns in einem anderen Bereich in die Zukunft schauen. Stichwort e-Sport. Bei den Asienspielen sollen ab 2022 Medaillen vergeben werden, wie stehen Sie dazu?

Bach: Davon habe ich auch gelesen. Da warten wir mal ab. Wir sind dabei, unsere Position zum e-Sport zu entwickeln. In Zusammenarbeit mit der Vereinigung der internationalen Sportverbände werden wir uns im Juli treffen, um mit Vertretern der e-Sport-Community über diese Themen zu sprechen.

Aber beispielsweise sogenannte Ego-Shooter, bei denen es darum geht, virtuelle Gegner zu erschießen, passen doch überhaupt nicht zu den olympischen Werten, oder?

Bach: Jetzt haben Sie die Antwort schon selbst gegeben. Es gibt drei Punkte, um die wir uns kümmern müssen. Beim ersten Punkt geht es darum, ob ein Wettkampf-Spieler eine ähnliche physische Leistung vollbringt wie traditionelle Sportler? In diesem Bereich haben wir ganz gute Fortschritte gemacht, wobei das über meine persönliche Meinung hinausgeht. Auch im e-Sport wird trainiert, es geht um Konzentrationsfähigkeit über lange Zeit, es geht um Reaktionsfähigkeit und vieles mehr. Da stoßen wir auf weitest-gehendes Einverständnis.

Welches sind die beiden anderen Punkte?

Bach: Den einen haben Sie klar angesprochen: Wir sind im IOC eine werteorientierte Organisation. Deshalb gibt es bei diesem Punkt aus meiner Sicht eine klare rote Linie dort, wo die Inhalte der Spiele gegen unsere Werte verstoßen. Das ist immer dann der Fall, wenn Gewaltverherrlichung, Killerspiele, Diskriminierung Inhalt dieser Spiele ist. Daher muss man hier aus unserer Sicht eine klare Trennlinie ziehen. Das heißt auf der positiven Seite, dass man e-Games, die sich mit Sport beschäftigen durchaus in Erwägung ziehen kann. Wenn dort Fußball oder Basketball gespielt wird, dann kann man solchen Inhalten und solchen Gamern durchaus nahetreten. Der nächste Schritt wäre, dies als Sport anzuerkennen. Das olympische Programm steht dann noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. Bei der dritten Frage geht es darum, dass wir für eine Anerkennung einen Partner bräuchten, der uns die Einhaltung dieser Regeln garantiert und sie durchsetzen kann. Da geht es um den Schutz der Werte, um den Ausschluss von Manipulationen, seien es elektronische oder auch Doping. Diesen Partner sehen wir noch nicht. Aus all diesen Gründen wollen wir alle Interessierten an einen Tisch bringen, um Meinungen auszutauschen.

Dann könnte ja in Zukunft die Formel 1 doch noch ins olympische Programm einziehen.

Bach: Ich habe tatsächlich vor drei Wochen mit Jean Todt, dem Präsidenten der FIA (Weltautomobilverband/Anmerkung der Redaktion), wegen seiner Erfahrung mit e-Games zusammengesessen. Die FIA wird auch an diesem Gespräch teilnehmen, weil sie sehr gute Erfahrung in diesem Bereich gesammelt hat. Man kann das Thema e-Sport nicht ignorieren, aber man darf auch nicht aus kommerziellen Gründen die Prinzipien verletzen und unsere Werte infrage stellen. Dieses Thema bietet deshalb auch Chancen und Risiken.