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Tennis Nach der Niederlage gegen Serena Williams 2016 geht Angelique Kerber heute weitaus selbstbewusster ins Wimbledon-Finale

Raus aus Steffi Grafs Schatten

London.Diesmal soll Angelique Kerbers Wimbledon-Wunder wahr werden, der Grand-Slam-Coup über Serena Williams gelingen. Mit dem Lerneffekt nach dem grandiosen, aber verlorenen Endspiel vor zwei Jahren will es die Kielerin heute (15 Uhr, ZDF und Sky) gegen die nun junge Mutter besser machen. Mit einem weiteren Sieg auf dem Heiligen Tennis-Rasen will sie sich zur ersten deutschen Wimbledonsiegerin seit Steffi Graf 1996 krönen. „Ich weiß, dass ich das Potenzial habe, solche Dinger zu gewinnen“, sagt Kerber. „Damals wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt.“

Nach ernüchternden Rückschlägen zeigt sich die 30-Jährige mental gereift, erfahrener und gibt sich wieder selbstbewusst. Die Situation ist eine komplett andere als 2016, auch weil Serena Williams nur zehn Monate nach der komplizierten Geburt ihrer Tochter antritt. „Sie ist zurückgekommen. Ich bin zurückgekommen von 2017. Das ist eine Herausforderung“, sagt Kerber. „Wer weiß, was noch passieren kann?“

Sie hat es schon einmal geschafft. In Melbourne, als sie vor zwei Jahren mit dem Australian-Open-Titel verblüffte und zur ersten deutschen Grand-Slam-Siegerin seit Graf aufstieg, hat sie Serena Williams in einem großen Finale besiegt. „Angie will diesen Titel unbedingt, das spürt man“, sagt die Damen-Chefin Barbara Rittner mit Blick auf die aktuelle deutsche Spitzenspielerin.

Zurück in der Weltspitze

Nach zuletzt sechs Grand-Slam-Auftritten ohne Endspiel hat Kerber ihren Weg wieder gefunden. Sie hat die langen Frust-Monate der vergangenen Saison hinter sich gelassen, als sie den Erwartungen weit hinterher lief. Ihr Entwicklungsprozess nach dem Wimbledon-Endspiel 2016 spülte sie rauf zur Nummer eins und dem zweiten Grand-Slam-Titel bei den US Open, dann in Monaten voller ernüchternder Erlebnisse weg von der absoluten Weltspitze. Jetzt ist wieder da.

Am Freitag, am Tag nach dem beeindruckenden Halbfinal-Erfolg über die lettische Grand-Slam-Siegerin Jelena Ostapenko, wollte sie ihre Routinen der vergangenen zwei Wochen beibehalten. Am Samstag wird die ehemalige Weltranglisten-Erste nervös den Centre Court betreten, wie immer vor solchen Spielen. „Ich habe jetzt die Erfahrung, dass die Nervosität vorbeigeht. Ich weiß, dass ich ruhig bleiben muss. Dass das Match auch viel im Kopf entschieden wird“, schildert sie.

Vor zwei Jahren lieferte Kerber ein starkes erstes Wimbledon-Finale ab, am Ende war die Präzision und Power von Williams einen Tick zu gut. Unter ihrem jetzigen Trainer Wim Fissette, der vor fünf Jahren auch Sabine Lisicki ins Endspiel von London führte, hat die Linkshänderin ihren Aufschlag verbessert. Der dürfte auch gegen Williams eine entscheidende Rolle spielen.

Fissette ist ein Statistik-Liebhaber, wie Kerber verrät. Er wird Williams ganz genau analysieren. Diesen für sie unangenehmen Schritt von ihrem langjährigen Coach Torben Beltz hin zum Belgier hat Kerber gewählt, um für die entscheidenden Momente wieder bereit zu sein. „Neue Menschen um sie herum mag sie eigentlich gar nicht“, sagt Rittner. „Für mich war ein Knackpunkt, dass sie selber einfach gesagt hat, ich bin nochmals bereit, was zu ändern.“

Schon der Jahresauftakt mit Matchbällen gegen Simona Halep im Halbfinale der Australian Open verlief erfolgreich, jetzt will eine wieder erstarkte Kerber erstmals Wimbledonsiegerin werden. „Sie spielt so gut. Ich glaube, sie ist unglaublich selbstbewusst. Ich muss bereit sein für das Match meines Lebens“, sagt Williams.

Wenn es um die siebenmalige Wimbledonsiegerin geht, geht es fast immer um Rekorde. Diesmal kann sie mit ihrem 24. Titel bei einem Grand Slam den Allzeit-Rekord der Australierin Margaret Court einstellen. Diesmal aber wäre ein Erfolg spezieller als sonst. Es wäre ihr erster Titel als Mutter, bei ihrem erst vierten Turnier nach der Rückkehr. Allein der Final-Einzug verdient höchsten Respekt.

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