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Leichtathletik Katars Hochspringer Mutaz Essa Barshim ist die Identifikationsfigur im Team des Gastgebers

Stolzer Botschafter mit Sorgen

Archivartikel

Doha.Als Achtjähriger ist Mutaz Essa Barshim zu den Nachbarn gerannt, wenn er seinen Papa nach einem schnellen Lauf samt Siegeszeichen im Fernsehen gesehen hat. Die gute Nachricht hat der Bub aus Doha nicht für sich behalten mögen. Der gebürtige Somali Eissa Mohamed Barshim ist einst nach Katar gekommen, um dem Leichtathletik-Zwerg als Läufer zu Ruhm zu verhelfen – und er bleibt. Als Trainer. Seine sechs Kinder wachsen auf dem Sportplatz auf. Mutaz Essa ist der Älteste. Und Erfolgreichste. 2008 hat er es satt, sich mit Gehen und Crossläufen zu quälen, Helmy Abosalama entdeckt sein außerordentliches Sprungtalent.

An diesem Dienstag startet Mutaz Essa Barshim in der Hochsprung-Qualifikation der WM. In Doha, seiner Heimatstadt. In einem Team mit zahllos eingekauften und einbürgerten Athleten ist der Schlaks mit den spindeldünnen Ärmchen die Identifikationsfigur schlechthin. Barshim, der Posterjunge in dem Emirat am Persischen Golf. In der „Neuen Züricher Zeitung“ hat der 28-Jährige gesagt: „Ich bin nicht mehr der dumme Junge, der es liebt zu springen. Ich bin jetzt Botschafter meines Landes und meines Volkes.“

Mutaz Essa Barshim – sein Vorname heißt auf Arabisch „Stolz“ – ist Titelverteidiger. In London ist der Olympiazweite vor zwei Jahren mit 2,35 Meter zu Gold gesprungen, und weiß, was von ihm erwartet wird. Zu gerne würde er liefern. Gewinnen. Aber es wird schwer. Vermutlich zu schwer. Der Mann mit der Bestleistung von 2,43 Meter hat eine Leidenszeit hinter sich. Anfang Juli 2018 zieht er sich einen Bänderriss zu, nachdem er in Székesfehérvár die Latte drei Mal auf 2,46 Meter legen lässt. Statt einen Zentimeter höher als Weltrekordhalter Javier Sotomayor zu fliegen, geht der Katari an Krücken – und weiß nicht, ob er es jemals wieder zurück in den Hochleistungssport schafft.

Eine Augenweide

Mit Stanislaw Szczyrba, seinem 74 Jahre alten Trainer, der ihn so gut wie kein anderer kennt, kämpft sich Mutaz Essa Barshim zurück – und schafft es in dieser Saison doch nur auf bescheidene 2,27 Meter. Der Stil des Welt-Leichtathleten des Jahres 2017 ist eine Augenweide. Wie eine Feder schwebt Barshim in Bestform und kommt doch explosiv in die Flugphase. Wer seine saubere Technik beobachtet, glaubt den Worten von Stanislaw Szczyrba: „Mutaz ist schon 2,49 Meter gesprungen, das haben Wissenschaftler ausgemessen.“ Obendrein fliegt er nach deren Berechnungen bei seinen Versuchen noch sechseinhalb Meter weit.

Doch auch Szczyrba kennt die Realität: Für einen Weltrekord muss jedes kleine Detail passen und sich Mutaz Essa Barshim erst wieder an das Fliegen in diesen Sphären herantasten. Er kann nicht so viel trainieren, wie er möchte. Zu zierlich ist sein 70 Kilo leichter Körper, zu anfällig sein Rücken für Krafttraining. Vor der Verletzung macht Barshim nicht mehr als zehn Sprünge die Woche. Wissend, dass allein beim Absprung das Sechsfache des Körpergewichtes wirkt. Diesen Sommer schafft er gerade mal die Hälfte. Das ist selbst für einen Begnadeten wie Mutaz Essa Barshim zu wenig. Doch er mimt den Kämpfer: „Großer Druck bedeutet großer Antrieb“, sagt er.

Die Autorin dieses Beitrags, Stefanie Wahl, ist Sportredakteurin bei der „Heilbronner Stimme“, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite lose Kooperation von Sportredaktionen, die gegenseitig Beiträge austauschen. Auch diese Zeitung gehört zur „G14plus“.

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