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Fußball Michael Rechner, Torwarttrainer beim Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim, spricht im Interview über das veränderte Spiel der Schlussmänner / Keeper in der Region sollen ausgebildet werden

"Torhüter benötigen spezielle Persönlichkeit"

Michael Rechner ist ein Kind der Fußball-Region Odenwald: Er kommt aus Schefflenz; dort lernte er das Hechten und Fangen. Während seiner aktiven Laufbahn stand er unter anderem beim Hamburger SV unter Vertrag. Aktuell ist der 37-Jährige Torwarttrainer beim Bundesligisten TSG Hoffenheim. Im FN-Interview spricht er über die drei wichtigsten Komponenten des Torhüterspiels und über seine Torwartschule.

Herr Rechner, sprechen Sie ihre Spieler immer noch mit "Torwart" oder neudeutsch mit "Torspieler" an?

Michael Rechner: Bei mir heißt es nach wie vor Torwart. Zwar ist das Mitspiel-Verhalten gerade in Hoffenheim ein großer Faktor, aber die Torverteidigung ist weiterhin elementar. Es gibt keinen Bundesliga-Torwart, der nur gut mitspielt oder nur gut sein Tor verteidigt. Auch Manuel Neuer zeichnet aus, dass er unhaltbare Bälle hält und nicht nur, dass er gut mitspielt. Wir behalten den Begriff "Torwart" bei.

In jüngster Zeit fällt auf, dass Cheftrainer bei der Besetzung der Torhüterposition immer mehr das Argument ins Feld führen, der Torwart spiele gut mit. Warum hört man elementare Argumente, wie der Keeper hält einfach gut, immer seltener?

Rechner: Ich habe diese Tendenz auch festgestellt. Der richtig gute Torwart muss alle drei Bereiche beherrschen: Er muss ein guter Spieleröffner sein, er muss ein guter Torverteidiger und zudem ein guter Raumverteidiger sein. Manuel Neuer und auch Oliver Baumann sind in allen drei Bereichen top. Wenn man als Torwart in einem Bereich überdurchschnittlich ist und in einem anderen dagegen Probleme hat, dann wird es in der Bundesliga sehr eng.

Sie sind selbst noch als klassischer Torwart ausgebildet worden und haben weniger mitspielen müssen. Wie haben Sie sich persönlich in diesem Torwartspiel weiter entwickelt, um jetzt die Kompetenz zu besitzen, Torwarttrainer in der Bundesliga zu sein?

Rechner: Ganz ehrlich: Das Mitspielen war mein Problem. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich großen Wert auf Spieleröffnung lege. Das ist wesentlicher Bestandteil in jeder Trainingseinheit. Super ist die Zusammenarbeit mit Cheftrainer Julian Nagelsmann. Er ist sehr, sehr offen und bindet die Torhüter immer wieder in die Übungsformen mit ein.

Ist es für Sie leichter, mit einer klaren Nummer eins zu arbeiten, so wie derzeit in Hoffenheim, mit Oliver Baumann oder hätten sie lieber einen offenen Konkurrenzkampf auf der Torwartposition?

Rechner: Ich bin ein großer Freund von klaren Rollenverteilungen. Ich finde es extrem schlecht, wenn man mit einem offenen Zweikampf in die Saison geht. Das ist weder für die Mannschaft noch für die Torhüter förderlich. Wenn ein Zweikampf ausgerufen ist, beschäftigt sich jeder Feldspieler mit diesem Thema, und es wird immer zwei Gruppen im Team geben: Die einen sagen, der eine soll spielen, die anderen sagen, der andere soll spielen. Dazu werden sich beide Torhüter extrem mit diesem Thema beschäftigen. Ich glaube, es ist besser, wenn es eine klare Rollenverteilung gibt.

Über Ihre Innovationen beim Torwarttraining wurde viel berichtet. Sie ließen unter anderem mit einer Augenklappe trainieren. Woher nehmen Sie diese Ideen und was bringen sie?

Rechner: Ich setze nur Dinge ein, von denen ich überzeugt bin, dass sie unsere Torhüter weiterbringen. Zu dieser Augenklappe, die eigentlich eine Brille war (lacht), gibt es wissenschaftliche Studien, dass der Sportler dadurch seine Wahrnehmung und die Gehirnleistung verbessert. Ein Torwart muss beispielsweise bei einem Konter des Gegners ganz schnell viele Entscheidungen treffen: Außenbahnspieler ist im Ballbesitz, welches ist sein starker Fuß? Kann er aufs Tor schießen? Was ist im Zentrum? Kann er dorthin einen Pass spielen? Wie positioniere ich mich? Ähnlich ist es auch bei der Spieleröffnung. Hier ist nicht nur die Technik, sondern auch die Gehirnleistung enorm wichtig. Man muss aber auch sehen: Von zehn Einheiten trainiere ich neunmal "normal" und einmal mit dieser Brille.

Sie haben jetzt eine Torwartschule ins Leben gerufen. Woran erkennt man in jungen Jahren ein Torwarttalent?

Rechner: Ein Torwart muss eine entsprechende Persönlichkeit haben. Wenn es regnet, und einer fragt: Papa, muss ich heute ins Training? Dann wird das nichts. Wenn aber einer Bock darauf hat, sich in den Matsch zu hechten, und es ihm nichts ausmacht, sich an- und teilweise auch abschießen zu lassen, sondern er sagt, super, den habe ich gehalten, dann hat er die richtige Mentalität für einen Torwart. Dazu sollte man ein kleines Bewegungstalent sein. Das Interessante beim Torhüter ist ja das: Man spielt Fußball, um Tore zu schießen. Als Torwart ist es aber so, dass du dich im Grunde über das freust, was den Fan frustriert.

Kommt daher der flapsige Spruch: Alle Torhüter haben eine Macke?

Rechner: Ich würde es gerne positiv formulieren: Torhüter müssen eine spezielle Persönlichkeit haben. Sie müssen auch viel Druck aushalten, denn letztlich ist jeder Fehler ein Gegentor.

Versuchen Sie, mit den Kollegen in Ihrer Torwartschule diese Persönlichkeit auch zu schulen oder geht es da vornehmlich um Techniken?

Rechner: Es gibt keinen speziellen Schwerpunkt zum Thema Persönlichkeit, aber die Trainer vor Ort werden sich viel Zeit nehmen, um mit den Kindern zu sprechen. Es ist wichtig, ihnen zu vermitteln, dass Fehler ganz normal sind.

Früher war es auf dem Land so: Derjenige, der zu faul war zum rennen, der ging ins Tor. Wir war es bei Ihnen?

Rechner (lacht): Ich habe in Schefflenz wirklich erst im Feld gespielt, aber nicht regelmäßig. Dann hat der damalige E-Jugend-Trainer einen Torwart gesucht. Und ich habe gedacht: Das mache ich, dann spiele ich wenigstens regelmäßig. Es hat aber auch gleich großen Spaß gemacht. Mit 13 Jahre durfte ich bei Trainer Karsten Geisler in Schefflenz schon in der ersten Mannschaft mittrainieren. Er hat mich sehr gefördert.

Gibt es "auf dem Land" zu wenig ausgebildete Torwarttrainer?

Rechner: Ja, ich glaube schon.

Ist das ein Grund, warum Sie diese Schule ins Leben gerufen haben, zumal Sie dadurch ja sozusagen der Basis, der sie auch entstammen, etwas zurückgeben?

Rechner: Ja, das ist schon ein Thema. Wir möchten alle etwas zurückgeben, weil wir Lust haben, mit Kindern zu arbeiten. Du bekommst von einem Kind viel mehr zurück als von einem erwachsenen Torwart. Bei einem Zehnjährigen kann ich Entwicklungen binnen einer Trainingseinheit sehen.

Wohin entwickelt sich das Torwartspiel?

Rechner: Das Thema Spielintelligenz wird noch mehr im Fokus stehen. Es geht darum, das Stellungsspiel noch mehr zu optimieren. Wir wollen deshalb auch bei den Kindern weg vom klassischen Torwarttraining, bei dem man früher 800 Mal von links nach rechts springen musste.