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Fußball Das Aus in der Champions League wird für viele Spieler Folgen bei Real Madrid haben – vielleicht auch für Toni Kroos

Umbau nach dem Absturz

Archivartikel

Madrid.Der Ex-Leverkusener Dani Carvajal kämpfte mit den Tränen, seine Stimme wurde immer brüchiger. „Das ist eine Scheiß-Saison“, stammelte der Rechtsverteidiger von Real Madrid kurz nach der 1:4-Pleite im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen Ajax Amsterdam. Innerhalb von nur sechs Tagen hat das Team um Toni Kroos nicht nur seine wohl letzten Titelchancen in der spanischen Fußball-Liga verspielt, sondern schied auch noch im Landespokal und – nach drei Triumphen in Serie – in der Königsklasse aus. Alles vor eigenem Publikum. Die Saison sei vorbei, sagte Carvajal. Für viele der Real-Profis geht möglicherweise aber noch mehr zu Ende. Denn Fans und Medien fordern eine Runderneuerung.

„Ende einer Ära“, titelten die Zeitungen „La Razón“ und „Sport“ auf Seite eins. In spanischen Medien war vom „totalen Schiffbruch“, vom „absoluten Reinfall“, von „Schande“ und vom „historischen Debakel“ die Rede. Vor dem Bernabéu heulten zahlreiche Fans hemmungslos. Viele beschimpften die Profis, als diese aus dem Stadion fuhren, und skandierten: „Raus, raus, raus!“ „Marca“ trug das Team sogar zu Grabe. Über einem Foto des Bernabéu-Rasens war zu lesen: „Hier ruht ein Team, das Geschichte geschrieben hat“.

Trainer vor dem Aus

Das Madrider Sportblatt, das Real sehr nahe steht, kündigt eine „Revolution“ an und schreibt: „Köpfe werden rollen“. Unter denen, deren Zukunft ungewiss ist, ist neben Trainer Santiago Solari auch Kroos. Der 29-Jährige leitete mit einem Ballverlust das 0:1 durch Hakim Ziyech (7.) ein. Er blieb auch sonst – wie seit Wochen – schwach, setzte keine Akzente und leistete sich Fehlpässe.

In einer Umfrage des Madrider Sportblattes „AS“ sprachen sich 62 Prozent von rund 100 000 Teilnehmern dafür aus, künftig auf den Deutschen zu verzichten. Schlechtere Werte hatten nur Gareth Bale (92 Prozent) und der Brasilianer Marcelo (69). Während Trainer Solari die Fans um Verzeihung bat und viele Real-Profis die miserable Leistung einräumten, zeigte sich der deutsche Nationalspieler Kroos trotzig.

„Ich finde, die Leute vergessen viel zu schnell, was in den vergangenen drei Jahren passiert ist“, sagte er. „Das wird nie wieder passieren, glaubt mir“, betonte er auf Englisch. Dass er – im Gegensatz zu Barcelona-Torwart Marc-André ter Stegen – trotz seiner knapp fünf Jahre in Spanien praktisch nie die Landessprache spricht, macht ihn bei den Real-Fans gerade in Notzeiten nicht beliebter.

Unbeliebt machte sich auch Kapitän Sergio Ramos. Der Nationalelf-Verteidiger war gesperrt, weil er – wie er selbst eingeräumt hatte – im Hinspiel beim Stand von 2:1 für die Gäste kurz vor Schluss eine Gelbe Karte provoziert hatte, um im Rückspiel zu pausieren und unbelastet ins Viertelfinale gehen zu können.

Die Ajax-Fans hatten dafür nach der Gala-Vorstellung mit Toren von Ziyech, David Neres (18.), Dusan Tadic (62.) und Lasse Schöne (72.) bei einem Gegentor von Marco Asensio (70.) nur hämische Gesänge übrig. In einem so frühen Stadium wie dem Achtelfinale war Real zuletzt in der Champions League vor neun Jahren gegen Olympique Lyon ausgeschieden. In der Primera División liegen die Königlichen bereits zwölf Zähler hinter dem Spitzenreiter FC Barcelona zurück.

Die Fans und die Medien in Madrid nehmen auch Clubboss Florentino Pérez ins Visier. Dem milliardenschweren Baulöwen werfen viele vor, dass er Superstar Cristiano Ronaldo im Sommer zu Juventus Turin hat ziehen lassen und keinen guten Ersatz geholt hat. „Florentino Rücktritt!“, hallte es am Dienstagabend minutenlang durchs Stadion.

Der Präsident plant aber nach Medienberichten nicht seinen Weggang, sondern eine Kadererneuerung und die Trennung von Solari, der erst vor vier Monaten den ebenso glücklosen Julen Lopetegui abgelöst hatte. Als Nachfolger sollen Ex-Real-Mann José Mourinho, Tottenhams Mauricio Pochettino oder der Italiener Massimiliano Allegri von Juventus im Gespräch sein. dpa

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