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Fußball Hamburger Sport-Verein eröffnet heute die Zweitliga-Saison gegen Holstein Kiel / Euphorie in der Hansestadt

Untergang war gestern

Archivartikel

Mannheim.Im Juli 2017 traf der HSV das letzte Mal auf Holstein Kiel – damals noch in einem Freundschaftsspiel. Der ehemalige „Bundesliga-Dino“ verkam gegen den frisch-aufgestiegenen Zweitligisten schnell zur zahnlosen Echse und schenkte den Vorbereitungskick mit 3:5 in Neumünster her. Den Warnschuss nahm in Hamburg dennoch so keiner wirklich wahr. Dreizehn Monate später treffen die Hamburger am Freitag erneut auf Kiel. Dieses Mal nicht zur Generalprobe für die neue Bundesliga-Saison, sondern zur Eröffnung der neuen Zweitliga-Spielzeit (20.30 Uhr).

Laufeinheit trotz Hitzewelle

Nach dem Abstieg im Mai und dem Ende der 55-jährigen Erstklassigkeit herrscht knappe drei Monate später zwischen Alster und Elbe ein überraschend frischer Wind. Trainer Christian Titz betonte in einem Interview mit dem Internetportal „Sport1“, dass die Enttäuschung über das Ende der Erstklassigkeit „nicht länger als wenige Stunden“ angehalten habe. Zu groß sei die Konzentration auf die Planung gewesen.

Bei der Runderneuerung des Kaders half der gebürtige Mannheimer tatkräftig mit, ehe der neue Sportdirektor Ralf Becker seinen Job antrat. Becker kam im Übrigen vom norddeutschen Konkurrenten aus Kiel. Dort habe man als Team funktioniert, legte er dem Fachmagazin „Kicker“ das Holstein-Erfolgsrezept dar: „Eine funktionierende Gruppe ist wichtig, um erfolgreich zu sein.“

Aussagen, die sich mit Titz decken und den neuen Hamburger Gleichschritt in Worte packen sollen. „Die volle Konzentration ging Richtung neues Team und wie wir die Aufgabe in der 2. Liga gestalten können“, sprudelte Trainer Titz nur so vor Tatendrang. Dabei schreckte der frühere Jugendspieler des FC Viktoria Neckarhausen selbst vor der aktuellen Hitzewelle nicht zurück. Vergangene Woche durften die HSV-Profis eine 100-minütige Fitnesseinheit absolvieren. Die Schonfrist in Hamburg scheint endgültig vorbei. Auch ein Blick auf den Kader zeigt, dass beim sechsmaligen Deutschen Meister kein Stein auf dem anderen geblieben ist. 14 Spieler verließen die Hansestadt, 18 kamen dazu. Darunter zehn aus der eigenen Jugend oder zweiten Mannschaft – ein Indiz für Titz’ frühere Zeit als Jugendcoach. Bereits gegen Ende der Abstiegssaison setzte er auf junge Kräfte – Matti Steinmann oder Tatsuya Ito erspielten sich dabei seine Gunst.

Was die Rothosen wohl am ehesten verzücken wird, sind die beträchtlichen Transfereinnahmen. Ein Plus von aktuell 14 Millionen Euro wurde erwirtschaftet. So vergoldete man etwa den ungemütlichen Brasilianer Walace (6 Millionen Euro/Hannover) oder auch den als Chancentod verschrieenen Stürmer Luca Waldschmidt (5 Millionen Euro/Freiburg).

Auf der anderen Seite blieben mit Toptalent Jann-Fiete Arp, dem wiedererstarkten Lewis Holtby und auch Neu-Kapitän Aaron Hunt arrivierte Kräfte, die Sportvorstand Becker explizit lobte: „Die Verbliebenen sind sich ihrer Verantwortung bewusst und wollen geradebiegen, was passiert ist. Sie sind bereit, auf viel Geld zu verzichten. Das gibt mir ein gutes Gefühl“, erklärte Becker.

Einnahmen in achtstelliger Höhe

Auch Titz sei in engem Austausch mit seinen Führungsspielern gewesen, deren weiteres Engagement in Hamburg „kein Selbstverständnis“ sei. Mit Holtby steht ausgerechnet ein Spieler sinnbildlich für den Aufschwung, der lange Zeit ein Dasein in der Reserve fristete. Unter Titz blühte der frühere Nationalspieler groteskerweise im Abstiegskampf auf, erzielte in acht Spielen sechs Treffer und verlängerte Ende Mai seinen Vertrag. In Interviews äußerte er sich selbstkritisch: „Den Abstieg hat keiner vergessen, nun wollen wir den Karren aus dem Dreck ziehen.“ Außerdem sei die Situation eine Chance, um als Club zu wachsen.

All der Häme des Abstiegs zum Trotz: Der HSV ist auf dem Papier nichts anderes als der Topfavorit auf den Aufstieg. Titz bleibt noch zurückhaltend: „Wir sind mit einer gewissen Demut gut beratschlagt.“ Die Generalprobe glückte schon einmal. Der AS Monaco, immerhin Champions-League-Teilnehmer, wurde im Testkick mit 3:1 bezwungen. Knapp 25 000 Fans jubelten, ebenso viele Dauerkarten wurden verkauft – die Zweitliga-Euphoriewelle schwappt an die Hafenkante.

Info: Video unter morgenweb.de/fussball

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