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Gewichtheben Europameister Nico Müller peilt bei der WM in Turkmenistan persönliche Bestleistungen an

Vier Zentner über Kopf in die Waagrechte

Gewichtheben-Europameister Nico Müller peilt bei der WM persönliche Bestleistungen an. Auch Trainer Oliver Caruso und Teamkamerad Matthäus Hofmann sind in Turkmenistan dabei. Einen Lebenstraum hat sich Nico Müller gerade erst erfüllt: Im Bundesliga-Wettkampf beim AV Speyer hievte er vier Zentner über Kopf in die Waagrechte – fast das Zweieinhalbfache seines Körpergewichts. „200 Kilo zu stoßen, das wollte ich unbedingt irgendwann schaffen. Jetzt hat‘s geklappt – und es fühlt sich richtig super an“, beschreibt der Sportsoldat, was ihm die vor zwei Wochen vollbrachte Großtat bedeutet. Innehalten, den Augenblick genießen, feiern. Das wäre eine angemessene Reaktion darauf gewesen. Doch dafür blieb keine Zeit, weil das nächste Top-Ereignis unmittelbar bevorsteht: Am Montag, 5. November, startet Müller bei der Weltmeisterschaft in der turkmenischen Hauptstadt Ashgabat. Es ist seine dritte WM, nach Houston 2015, wo er 19. wurde, und Anaheim, ebenfalls in den USA, wo er vor einem Jahr mit nur zwei gültigen Versuchen auf dem 13. Rang landete.

Über 600 Athleten

In Turkmenistan, einem Land in Zentralasien, angrenzend an Iran und Afghanistan, mit knapp sechs Millionen Einwohnern, wird bereits um Medaillen und Plätze gekämpft. Über 600 Athleten in insgesamt 20 Gewichtsklassen sind dabei: 321 Männer und 283 Frauen aus mehr als 90 Ländern. Seit Gründonnerstag dieses Jahres ist Nico Müller, der gestern seinen 25. Geburtstag feierte, international kein unbeschriebenes Blatt mehr. Am 26. März wurde er in Bukarest Europameister, gleich zweifach: In der 77-Kilo-Klasse holte er Gold im Stoßen (191 Kilo) und im Zweikampf (346 Kilo). Es war ein perfekter Tag mit sechs fehlerfreien Versuchen.

Darauf hofft Müller auch am Montag, wenn er um 12 Uhr Ortszeit (8 Uhr in Deutschland) in der B-Gruppe an die Hantel geht. Der aus Obrigheim stammende und in Schwarzach wohnende Sportler startet zum ersten Mal in der 81-Kilo-Klasse. Der Weltverband IWF beschloss im Sommer eine Neueinteilung der Gewichtsklassen, mit der eine Reduzierung von 14 auf zehn einherging. Die bisherige 77-Kilo-Kategorie gibt es nicht mehr. Müller hätte theoretisch in die niedrigere 73-kg-Klasse wechseln können, doch zu seiner Statur und Körperentwicklung passt die Gewichtsklasse bis 81 Kilo deutlich besser. „Ich fühle mich wohl damit“, sagt der Olympia-Zehnte von 2016 in Rio de Janeiro.

Mit den 200 Kilo in Speyer hat Müller seine Bestleistung im Stoßen deutlich gesteigert; im Reißen allerdings blieb er mit 154 um ein Kilo unter seinem Ergebnis bei der EM – und da war er sechs Kilo leichter. Hier schlummern also Reserven. „Da sollte noch was gehen“, sagt Müller, der sich vorgenommen hat, nicht groß auf seine Rivalen zu schauen und über mögliche Endplatzierungen nachzudenken. „Ich will mich ganz auf mich und meinen Wettkampf konzentrieren“, erklärt er. Ein guter Plan. So hat er vor sieben Monaten EM-Gold gewonnen. Gleichwohl hat er Zahlen im Kopf: Ein Zweikampfergebnis von 355 bis 360 Kilo, in diesem Korridor will er landen.

Gut vorbereitet

Sein Trainer traut ihm ein solches Ergebnis auf jeden Fall zu. „Die Vorbereitung lief hervorragend, wir konnten unser Programm komplett durchziehen“, berichtet Oliver Caruso, der in Turkmenistan zum Trainerstab des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG) gehört. Er wird seinen Athleten persönlich betreuen. Zu einer Medaille wird es am Ende wohl nicht reichen, selbst wenn Müller persönliche Bestleistungen erzielt. Die 81-Kilo-Klasse ist die mit den meisten Athleten am Start, insgesamt 50. Der Europameister hebt in derselben Gruppe wie sein Nationalteamkamerad Max Lang. Im Wettbewerb trifft er zudem auf seinen früheren Mannschaftskollegen beim SV Obrigheim, den Bulgaren Ivan Markov. Vor allem deshalb ist die WM für Nico Müller ein wichtiger Wettkampf: Durch ein starkes Ergebnis kann er den ersten Schritt zur zweiten Olympia-Teilnahme machen.