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Interview Vorsitzender Bernhard Spitznagel befürwortet Veränderungen durch die anstehende Strukturreform, aber nicht auf Kosten seines Handballbezirks Neckar-Odenwald-Tauber

„Zeit nehmen, auf Schnellschüsse verzichten“

Wohin steuert der Handballsport in der Region Odenwald-Tauber? Wie ist es um die Zukunft des Badischen Handball-Verbandes in seiner Gesamtheit bestellt? Im Interview mit den Fränkischen Nachrichten äußert sich Bernhard Spitznagel, Vorsitzender des Bezirks Neckar-Odenwald-Tauber und blickt nach vorn.

Herr Spitznagel, wie beurteilen Sie die Entwicklung des Handballs in der Region Odenwald-Tauber in den letzten 15 bis 20 Jahren?

Spitznagel: Als gut. Hier zahlt sich die Zusammenarbeit mit dem Bezirk Heilbronn-Franken aus. Die Mannschaftszahlen wurden am Anfang gesteigert und haben sich jetzt auf einem zufriedenstellenden Niveau eingependelt.

Hat sich die Qualität des Handballs verändert?

Spitznagel: Ja, durch die Möglichkeit, dass in allen Altersklassen leistungsgerecht gespielt wird, hat sich die Qualität verbessert. Beim Blick auf die Spielstärke der einzelnen Klassen wird vielleicht der Eindruck erweckt, dass hier eine Verschlechterung eingetreten ist. Es sollte aber berücksichtigt werden, dass die Verbandsliga im BHV eingeführt wurde und somit leistungsstarke Mannschaften eine Klasse höher aktiv sind.

Und wohin wird der Weg dieser Sportart in der kommenden Dekade führen vor dem Hintergrund, dass das Freizeitangebot immer breiter wird?

Spitznagel: Dies ist schwer zu beantworten, weil ich nicht in eine Glaskugel blicken und die Zukunft vorhersagen kann. Wir sollten aber erkennen, welche Probleme kommen könnten, um darauf vorbereitet zu sein. Es wird eine Strukturreform geben, um auf künftige Veränderung schneller und effizienter reagieren zu können.

Stillstand bedeutet Rückschritt – auch im Handball. Ein großes Thema, das innerhalb des BHV kontrovers diskutiert wird, ist die anstehende Strukturreform. Wann wird sie umgesetzt?

Spitznagel: Es ist richtig, dass die Strukturreform zurzeit ein wichtiges Zukunftsthema ist. Wenn alles gut vorankommt, sollen die Weichen auf den Verbandstag im kommenden Jahr gestellt werden. Es wäre aber auch kein Beinbruch, wenn das Ganze ein Jahr später auf den Weg gebracht wird. Die Verantwortlichen werden sich die Zeit nehmen, die dafür benötigt wird. Schnellschüsse haben noch nie die gewünschten Erfolge gebracht.

Können Sie in kurzen Worten darlegen, was sich genau verändern wird?

Spitznagel: Es ist geplant „Aus Sechs mach’ zwei“. Die bedeutet, dass sich die Kreise Mannheim, Heidelberg und Neckar-Odenwald-Tauber zu einem Bezirk zusammenschließen werden. Das Gleiche gibt es auch im Süden, wo die Kreise Pforzheim, Bruchsal und Karlsruhe zusammengehen.

Was verspricht man sich seitens des BHV von dieser Neugliederung?

Spitznagel: Dies erfolgt, damit wir in der Lage sind, auf künftige Aufgaben und Problemstellungen schneller und besser zu reagieren. Ein Beispiel: Nicht nur beim Handball sind die Mannschaftszahlen rückläufig – dies besonders im Jugendbereich, was verschieden Ursachen hat. Um hier weiter eine gute Qualität und Spielstärke anbieten zu können, bedarf es der Zusammenschlüsse. In den Südkreisen wird seit Jahren kreisübergreifend gespielt, um dem Trend entgegenzuwirken, was aber immer einen erheblichen Verwaltungsapparat mit sich zieht. Auch im Norden gehen wir in der nächsten Saison im Frauenbereich zusammen, um leistungsgerecht spielen zu können. Dies wird durch die Zusammenschlüsse einfacher und schneller.

Welche Auswirkungen hat dies voraussichtlich auf den Handballbezirk Neckar-Odenwald-Tauber?

Spitznagel: Spieltechnisch keine, da die Kooperation mit dem Bezirk Heilbronn-Franken weiter Bestand haben wird und die Vereine ab der Landesliga, wie bisher, in den BHV aufsteigen. Im Bereich der Verwaltung wird es zu Veränderung kommen – wie genau, kann ich noch nicht sagen. Deshalb findet am Wochenende 21./22. September eine Klausurtagung in Buchen statt, auf der sich alle Kreisvorstände aus den Nordbereich treffen, um zu erörtern, wie eine Lösung aussehen könnte. Bei dieser Tagung wird auch der wahrscheinlich neue BHV-Präsident anwesend sein.

Besteht die Gefahr, dass der hiesige Handballbezirk im Vergleich zu den großen Platzhirschen Mannheim und Heidelberg auf Verbandsebene an Boden verliert?

Spitznagel: Ja, das könnte sein, besonders, wenn es nach einigen Machtmenschen im BHV gehen wird, die der Meinung sind, ein kleines Präsidium wäre von Vorteil. Aber genau deswegen treffen wir uns in Buchen. Ich gehe davon aus, dass erkannt wird, damit es auch Regionalvertreter benötigt, wenn es zwei so große Bezirke gibt. Denn die sind es, die auch die Belange und Probleme an der Basis kennen. Nur wenn wir alles im Blick haben, sind wir auch für die Zukunft gewappnet. Auch stellt sich die Frage, ob einer allein die Außenvertretung in den einzelnen Regionen überhaupt wahrnehmen kann. Hier denke ich zum Beispiel an die Vertretung des Handballs in den einzelnen Sportkreisen.

Kann sich ein Bundesland wie Baden-Württemberg, das flächen- und einwohnermäßig etwas kleiner ist als das benachbarte Bayern, auf Dauer drei Verbände leisten, während die Bajuwaren einen einzigen haben?

Spitznagel. Ja. Warum denn nicht? Ist die Größe ein Garant für Qualität? Wenn das so wäre – warum sind die drei Landesverbände aus Baden-Württemberg hier erfolgreicher, schaut man dabei vor allen Dingen auf die Jugendarbeit? Der Weg, den die drei Verbände schon vor Jahren eingeschlagen haben, eigenständig zu bleiben, aber auch gemeinsam zusammenzuarbeiten, hat sich aus meiner Sicht bewährt. Im Übrigen hat besonders der Landessportverbands auch darauf hingewiesen, dass diese Zusammenarbeit Vorbild für andere Sportarten sein kann. Somit ist gewährleistet, dass eine Jugendförderung nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite stattfindet.

Wäre es denn nicht von Vorteil, das Handballwesen in seiner Gesamtheit über den DHB neu zu ordnen und dadurch zu verschlanken?

Spitznagel: Ob das von Vorteil wäre, kann man bezweifeln. Richtig ist, dass der DHB es sich wünscht, wenn es zu Zusammenschlüsse kommen würde, die in einzelnen Bereichen Sinn machen. Nur sehe ich hier die große Gefahr, dass die Basis mehr und mehr außer Acht gelassen wird. Der DHB ist mehr an der Förderung von Spitzentalenten interessiert, die in den Nationalmannschaften spielen, was auch seine Berechtigung hat. Aber die Vereine sind hier an der Förderung ihrer Talente in der Breite interessiert, die in ihren Vereinen in den einzelnen Ligen spielen. Zusammenarbeit ja, Zusammenschlüsse müssen nicht unbedingt sein.

Wie sehen Sie die Zukunft des Handballbezirks Neckar-Odenwald-Tauber vor dem Hintergrund, dass die Zahl der aktiven Mannschaft kontinuierlich zurück- und der Trend hin zu immer mehr Spielgemeinschaften geht?

Spitznagel: Wer sagt denn, dass die Zahlen im Bereich Neckar-Odenwald-Tauber bei den Aktiven zurückgehen? Richtig ist, dass es Gefahren gibt, dass dies eintreten kann, da auch bei uns ein leichter Rückgang im Jugendbereich zu verzeichnen ist. Es ist auch richtig, dass es im Frauenbereich zu Spielgemeinschaften gekommen ist, was sich aber positiv ausgewirkt hat. Durch die Zusammenschlüsse gibt es wieder Frauenteams, wo es lange keine gab. Einige Zusammenschlüsse im Jugendbereich haben aber andere Beweggründe. Es ist so, dass der HVW Altersklassen-Spielgemeinschaften nicht zulässt im Vergleich zum BHV. Somit hatten die Vereine nur die Möglichkeit, nach DHB-Satzung zusammenzuarbeiten, was die Gründung von Spielgemeinschaften im gesamten Jugendbereich nach sich zieht.

Wo sehen Sie ihre Funktionärstätigkeit, nachdem die Strukturreform umgesetzt ist?

Spitznagel: Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt schwer sagen, da noch nicht alle Details geklärt sind. Ich würde, wenn die Voraussetzungen stimmen, für ein Amt zur Verfügung stehen.

Wie wichtig wäre es, dass die Region Odenwald-Tauber weiterhin mit Sitz und Stimme im späteren Präsidium vertreten ist?

Spitznagel: Sehr wichtig, da sonst die große Gefahr besteht, dass man dann die Belange unsere Region nicht mehr so auf den Schirm hat. Deshalb werde ich auch alles tun, dass dies nicht eintritt. Wie gesagt, es gilt, sich für die Zukunft gut aufzustellen – und dazu gehört es auch, dass künftig weiter alle Bedenken berücksichtigt werden, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sollte es keine regionalen Vertreter im Präsidium geben, wäre dies ein Rückschritt.

Wo sind die Hebel anzusetzen, wieder mehr Kinder und Jugendliche für den Handballsport zu begeistern und sie so zu den Vereinen zu locken?

Spitznagel: Qualität, Qualität und nochmals Qualität in der Vereins- und Trainingsarbeit, um dem großen Angebot auf dem Freizeitmarkt zu trotzen.