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Gewichtheben Weltverband krempelt Regelwerk vor der beginnenden WM komplett um

Zeitenwende an der Hantel

Archivartikel

Aschchabad.Heberbühne und Hanteln sehen aus wie immer, aber sonst ist alles neu und irgendwie durcheinander. Wenn in Turkmenistans Hauptstadt Aschchabad am heutigen Freitag die ersten Medaillen bei den Weltmeisterschaften im Gewichtheben vergeben werden, haben die Titelgewinner in den untersten Limits nicht die Spur einer Chance auf die Olympischen Spiele in Tokio. Denn ihre Gewichtsklassen gibt es bei Olympia nicht. Bei WM oder EM aber schon, denn da stehen je zehn Kategorien für Männer und Frauen auf dem Programm. Bei Olympia sind es nur sieben. Nicht schwer zu erraten, dass es eine Flucht in die olympischen Klassen geben wird, während die anderen veröden.

Damit nicht genug. Alle Gewichtsklassen wurden gestrichen; jetzt gelten neue Limits. Zusätzlich zum Klassen-Wirwarr wurde der bisherige Olympia-Fahrplan auf links gedreht. Früher sammelten Nationalteams in der Olympia-Quali Punkte, die in eine Anzahl an Startplätzen umgerechnet wurden. Das ist vorbei. Jetzt kämpft jeder für sich. Jeder Athlet muss sechs Wettkämpfe in der Qualifikation vor Tokio bestreiten. Es gibt sogenannte Gold-, Silber und Bronze-Events mit unterschiedlichen Punkte-Koeffizienten. Am Ende dürfen die besten acht Männer und Frauen der Weltrangliste nebst den fünf Kontinentalbesten zuzüglich eines Wildcard-Beschenkten, also 14 pro Gewichtslimit, zu Olympia.

Warum das Ganze? Die Zahl der Teilnehmer bei Olympia soll begrenzt werden. Nur noch maximal vier Männer und vier Frauen eines Landes dürfen mitmachen. 196 Schwerathleten sind 2020 in Japan zugelassen. Für sein Land darf in einer Gewichtsklasse nur ein Athlet antreten.

Reichlich Kritik

Bei den Deutschen betrifft dies Max Lang aus Mutterstadt und Nico Müller aus Obrigheim. Beide starteten bislang in der 77-Kilo-Kategorie. Weil es die nicht mehr gibt, kletterten sie in die 81-Kilo-Klasse. Die Athleten maulen, die Trainer sind genervt. „Die Einteilung der Gewichtsklassen ist einfach schlecht“, schimpft Ex-Bundestrainer Oliver Caruso, der als Landescoach Nico Müller betreut.

„Der gesamte Modus der Qualifikation ist nicht nachvollziehbar.“ Die 81-Kilo-Kategorie sei „die brutalste Klasse überhaupt“, klagt Caruso. 59 Athleten haben für die WM gemeldet. „Das sind mit Abstand die meisten“, stöhnt der 44-Jährige.

Der neue Qualifikationsmodus hat auch einen positiven Effekt: Dopingverdächtige stehen unter verschärfter Kontrolle. Früher konnten Mannschaftskameraden die Olympia-Quali bestreiten, während andere Heber sich rar machten und dennoch mit einem Nationenstartplatz belohnt wurden. Heute müssen alle im vorolympischen Zeitraum sechsmal im Wettkampf präsent sein.

Die neun Länder, die seit 2017 eine einjährige Dopingsperre abgesessen haben, sind in Aschchabad erstmals wieder dabei. Durch die neuen Limits gelten die dopingverseuchten Weltrekordlisten nicht mehr. Jetzt gelten am grünen Tisch festgelegte Standards als Rekord. Der Weltverband IWF will damit ein Zeichen für sauberes Gewichtheben setzen. dpa

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