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Fußball Zwölf Jahre nach dem deutschen Sommermärchen hängt ein grauer Schleier über den glorreichen Erinnerungen

Zu schön, um wahr zu sein

Berlin.In Märchen erfährt man oft etwas über Anstand und Moral. Häufig kommt die Botschaft verspätet oder nur verschlüsselt zutage – das deutsche Sommermärchen, das rauschende Fußball-Fest im Jahr 2006, passt also tatsächlich in dieses Genre. Zwölf Jahre nach diesem perfekten WM-Sommer hängt ein grauer Schleier über den immer noch selig machenden Erinnerungen.

„Das Ansehen Deutschlands in der Welt ist nach dieser WM ein anderes“, sagte Franz Beckenbauer 2006, als Fußball-Deutschland nach der WM glücklich Bilanz zog und das Ausland sich über und mit den plötzlich liebenswerten Teutonen freute. Beckenbauers eigenes Ansehen ist heute auch ein anderes. Allerdings zum Leidwesen des Kaisers.

Allen Dementis der damals Beteiligten und heute Beschuldigten zum Trotz: Die Machenschaften des WM-Organisationskomitees um dessen Chef Beckenbauer mit den dubiosen Geldflüssen von 6,7 Millionen Euro Richtung Katar wirken für viele wie ein Stimmungsdämpfer.

Dabei war 2006 doch alles so schön. Nach Tagen des nervenden, kalten Nieselregens riss sogar der Himmel auf: am 9. Juni, als in der Allianz Arena in München das Turnier eröffnet wurde. Natürlich hatte auch das der Kaiser ermöglicht, mit seinem Draht zum Fußball-Gott, so besagt es die märchenhafte Legende.

Costa Rica war für die zuvor keineswegs souveräne deutsche Elf um den verletzten Kapitän Michael Ballack ein willkommener Auftaktgegner. Das 4:2 war für den alles andere als im späteren Heldenstatus befindlichen Bundestrainer Jürgen Klinsmann und seinen Assistenten, den heutigen Weltmeister-Trainer Joachim Löw, eine Erleichterung. Dieser Sieg machte Lust auf mehr. Fünf Tage später flitzte David Odonkor in letzter Sekunde über die rechte Außenbahn, und Oliver Neuville hielt den Fuß hin.

Lehmann-Spickzettel im Museum

Das 1:0 gegen Polen wirkte wie der Urknall für ein großes Fußball-Fest. Jetzt war Party angesagt. „Die Hälfte der deutschen Bevölkerung hat sich der WM zugewandt. Das ist ein phänomenaler Wert“, analysierte später der Medienforscher Josef Hackforth.

„So bunt ist unser Land selten gewesen“, meinte der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble. Es folgten Siege gegen Ecuador und Schweden. Und dann das legendäre Elfmeterschießen gegen das sportlich viel bessere Argentinien. Der siegbringende Spickzettel im Stutzen von Torwart Jens Lehmann hat heute seinen Platz im deutschen Fußballmuseum.

Es hätte sogar ein Happy End geben können – wie in jedem ordentlichen Märchen. Doch der Spielverderber hieß Italien. Ballacks Tränen nach dem dramatischen 0:2 nach Verlängerung in Dortmund spiegelten das Gefühl der ganzen Fußball-Nation wider.

Das 3:1 im Spiel um Platz drei gegen Portugal wurde zum Symbol der guten Gastgeber-Elf, die unter dem Kosmopoliten Klinsmann erstmals ein liebenswertes Ebenbild eines multikulturellen Deutschlands war. Schwarz-Rot-Gold konnte unbeschwert getragen werden. Nach internen Debatten zwischen den Platzhirschen Ballack und Torsten Frings ließen sich die neuen Helden dann auch noch von ihren Fans vor dem Brandenburger Tor feiern.

All dies war längst glorifizierte Fußball-Geschichte, als ein knappes Jahrzehnt später die FIFA ins Wanken geriet. Die knallharte US-Justiz deckte viele Funktionärs-Untaten auf, und das marode System Blatter zerbröselte zwischen den Skandalen. Die beschädigte Lichtgestalt Beckenbauer hat sich auch nach manch privatem Schicksalsschlag in den Schmollwinkel verabschiedet. „Es hat alles funktioniert“, sagte dieser 2006 in seiner Turnierbilanz. Der Satz klingt heute unangenehm doppeldeutig.