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Feudenheim Michael Trede erzählt in „Spätlese“ manche Anekdote

Als der Kanzler sein Hemd hochzog

Archivartikel

Im Weinbau bezeichnet man mit „Spätlese“ einen hochwertigen Wein, der gegen Ende des Herbstes aus vollreifen Trauben hergestellt wird. Ein durchaus passender Titel für das neue Buch Michael Trede, das dieser jetzt in der Kulturkirche Epiphanias vorgestellt hat. „Denn hier geht es um die Unzulänglichkeiten und Kapriolen eines alternden Mannes inmitten einer sich immer verrückter drehenden Welt“, zitierte er aus dem Vorwort. Der ehemalige Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik Mannheim ist als Ruheständler unter die Autoren gegangen und legt nach seiner Autobiografie bereits die dritte Sammlung mit Kurzgeschichten vor.

Dabei waren es die skurrilen Geschichten aus dem Alltag, mit denen Trede seine Zuhörer amüsierte und die in der gut gefüllten Kirche immer wieder für laute Lacher sorgten. Zu Beginn hatte Pfarrerin Dorothee Löhr die Gäste begrüßt. Bereits bevor sie ihre Stelle in Mannheim angetreten habe, sei ihr klar gewesen: „Epiphanias, Feudenheim, Tredes – das gehört zusammen.“ Verlegerin Barbara Waldkirch bezeichnete Tredes Werk als weises Buch, das wunderbar zeige, welch humoristischen Blickwinkel man im Laufe des Lebens bekomme.

„Nun mal ehrlich, sind Sie schon mal schwarzgefahren?“ wollte der Autor vom Publikum wissen. Wie schnell das passieren kann, erfuhren die Besucher in der Geschichte „Die Deutsche Bahn ist ja gar nicht so…“ Bei einer Zugfahrt im ICE nach Frankfurt habe er sich gleich doppelt schuldig gemacht, weil er nicht nur seine Fahrkarte zuhause auf dem Nachtisch vergessen habe, sondern aus Versehen auch noch in der ersten Klasse saß. Doch seine Furcht auf offener Strecke ausgesetzt oder in Handschellen abgeführt zu werden, erwies sich bei der Kontrolle als unbegründet. Denn sogar bei der Bahn stolpere man „immer wieder in beglückende Oasen der Menschlichkeit“. In der Erzählung „Begegnung mit Kohl“ sah sich Trede in guter Gesellschaft mit Michail Gorbatschow und George Bush. Nach einer Operation seiner Frau Hannelore habe ihm Helmut Kohl einen Zettel mit seinen privaten Telefonnummern zugesteckt, den er bis heute aufbewahre. Als Chirurg sei man an „Spontan-Konsultationen“ im Bekanntenkreis durchaus gewohnt, berichtete Trede. Nachdem der damalige Bundeskanzler aber sein Hemd hochgezogen und um einen ärztlichen Rat gebeten habe, sei er doch verwundert gewesen.

Anschauliche Erzählweise

Nicht ganz so erfreulich wie die Begegnung mit dem Politiker hat er die Schlagzeilen der folgenden Tage in Erinnerung. Die Bild-Zeitung verlegte das Mannheimer Klinikum kurzerhand nach Mainz und titelte mit einer schmerzhaften, riesigen Narbe der berühmten Patientin. Schon in der Schriftform ist das reich bebilderte Buch ein Lesevergnügen, durch die anschauliche Erzählweise des Autors gewannen die Geschichten noch an Lebendigkeit.

Ehefrau Ursula Trede-Boettcher und Tochter Tanja Trede, die er als „meine Älteste am Klavier und meine Jüngste an der Bratsche“ ankündigte, machten die Veranstaltung zum familiären Heimspiel. Zur musikalischen Umrahmung hatten sie „Variations concertantes op 17” von Felix Mendelssohn-Bartholdy und den Tango „Castillo baja“ von Eginhard Teichmann ausgesucht.