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Oststadt Historische Stadtführung zeigt architektonische Perlen von Mannheimer Baumeister Rudolf Tillessen

Die besten Wohnlagen der Stadt

Archivartikel

Tanja Vogel brachte ihre Zuhörer zum Schmunzeln. „Es war ein Wohnviertel für wohlsituierte Bevölkerungselemente beziehungsweise wirtschaftlich und kulturell besonders schätzbare Elemente“, zitierte die Mitarbeiterin der Reiss-Engelhorn-Museen (rem) aus einem historischen Dokument. Mit dem genannten Wohnviertel war die Mannheimer Oststadt gemeint. Noch heute gehört der Stadtteil, der Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts mit vielen großbürgerlichen Villen entstand, zu den besten Wohnlagen der Quadratestadt.

Das Haus des Architekten Rudolf Tillessen in der Lachnerstraße 3 und die Christuskirche am Werderplatz standen auf dem Programm der achten Stadtführung, zu der der Bürger- und Gewerbeverein Östliche Innenstadt (BGV) eingeladen hatte. Der Rundgang fand, wie schon in den Jahren zuvor, unter fachkundiger Anleitung von Tanja Vogel und Wolffried Wenneis (BGV) statt.

Dabei erhielten die etwa 35 Teilnehmer einen fachkundigen und kurzweiligen Einblick über die Entstehung der Oststadt, in die es weiland viele Wohlhabende aus den L-Quadraten zog. Diesen waren nämlich dort ihre Grundstücke zu klein geworden. „Es gab nicht genügend Platz für Gärten, dafür aber zu viel Lärm von der damals schon verkehrsreichen Bismarckstraße“, erklärte Wenneis.

Einer, der sich als Architekt federführend an den Neubauten beteiligte, war Rudolf Tillessen (1857 - 1926). Tillessen, als Sohn eines preußischen Proviantmeisters in Düsseldorf geboren, entwarf unter anderem die neugotische Häusergruppe in der Lameystraße 6, 8, 10, 12 und den Bernhardushof. Für sich selbst hatte er 1901 zwei kleinere Parzellen in der Lachnerstraße 3 - 5 gekauft und dort eine Doppelvilla errichtet. Beide Gebäude sind im typischen Landhausstil gebaut und zeigen neben vielen Elementen der Burgenromantik auch zeittypische gotisierende Merkmale. Haus Nummer 3 verkaufte Tillessen an den Zigarrenfabrikanten Arthur Simon, während er selbst Haus Nr. 5 mit seiner Familie bewohnte und dort auch arbeitete.

Giebel, Erkerkonsole und Relief

Jochen Weismann, zusammen mit seinem Bruder Dieter, heutiger Eigentümer des Tillessen-Hauses, hatte viel Wissenswertes über die Villa zu berichten. Etwa über die geschnitzte Eule am Giebel, die auf die Gelehrsamkeit von Paul Tillessen hinweisen sollte, oder auch die markante Erkerkonsole, die ein Relief mit einem Adlernest schmückt. Geht es um historische Bauten, hat Mannheim, trotz der zahlreichen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, einiges zu bieten. Bestes Beispiel dafür ist die damals kaum beschädigte Christuskirche. Das evangelische Gotteshaus, das zwischen 1907 und 1911 nach den Plänen von Christian Schrade im Jugendstil mit neubarocken Anklängen erbaut wurde, ist Zeugnis für das protestantische Glaubens- und Kirchenverständnis dieser Zeit.

Eigentlich habe sie auf dem Grundstück der heutigen Kunsthalle am Friedrichsplatz entstehen sollen. Doch wegen der zu starken Nähe zur damals geplanten und dann errichteten katholischen Heilig-Geist-Kirche, habe man sich für das Grundstück am Werderplatz entschieden, erläuterte Pfarrer Stefan Scholpp, der die Führung durch die Christuskirche übernommen hatte. Ein Wettbewerb wurde ausgelobt, zu dem alle evangelischen Architekten Mannheims und aus dem damaligen „Ausland“ Württemberg eingeladen wurden. „Man wollte der geistlichen Idee dessen, was ein evangelischer Kirchenraum sei, neuen Ausdruck verleihen“, führte Stefan Scholpp aus.

Das sogenannte „Wiesbadener Programm“ wurde umgesetzt. Das heißt, eine Einheit von Kanzel, Altar und Orgel mit Kanzel und Altar in der Mittelachse des Innenraumes. „Wir haben hier im Zentrum die Kanzel, als den Ort des verkündigten Wortes Gottes, den Altar als sichtbares Wort Gottes, die Orgel als Symbolisierung der Antwort der Gemeinde auf das gehörte und gefeierte Wort Gottes“, erklärte der Pfarrer die Architektur der Christuskirche.

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