Stadtteile

Serie "AnGrenzen" (Teil 6) Die Marktstraße - Bindeglied zwischen den Kulturen mitten im Zentrum

Ein Hauch von Basar-Stimmung

Es ist Freitagnachmittag am Marktplatz: Cafés und Restaurants füllen sich mit Menschen, viele Familien sind darunter, Frauen mit Kopftüchern ebenso wie Mädchen in kurzen Hosen. Kinder schreien, Männer debattieren. Es ist laut und geschäftig. Hier trifft sich, was sich ansonsten kaum verbindet: Leute aus unterschiedlichen Kulturen. Viele Türken, Studenten, Zuwanderer, Einheimische. Die Marktstraße mit dem Tor zur westlichen Unterstadt bildet eine Nahtstelle in Mannheim: irgendwie ist hier alles etwas anders als in der mitteleuropäisch geprägten und geordneten Stadt.

Grenzen zwischen Straße und Häusern scheinen nicht vorhanden, vieles mischt sich im öffentlichen Raum, die Auslagen reichen bis auf die Straße: "Das ist wie im Basar, Unterschiede zwischen Innen und Außen sind aufgehoben, dadurch verändert sich das Straßenbild", sagt BDA-Architekt Winfried van Aaken beim Rundgang. Die klassische Aufteilung der mitteleuropäischen Stadt von Fahrbahn, Bürgersteig und Fassade verschmilzt im Gedränge und Geschiebe des internationalen Geschäftsviertels, das von türkischen Unternehmern dominiert wird. Besonders an Wochenenden herrscht reges Treiben, die Kunden kommen von weit her. Selbst an diesem Freitag drängelt sich alles vor den Häusern, die teils mit bunten Plakaten beklebt sind.

Umsätze in Milliardenhöhe

Das Viertel ist längst ein Wachstumsmotor mit Jahresumsätzen in Milliardenhöhe. Auch deswegen hat die Stadt 2011 nach einer Testphase den räumlich engen Abschnitt zwischen G 2/H 2 zum verkehrsberuhigten Bereich umgestaltet und mehr Platz zum Flanieren geschaffen. Ein Erfolgsmodell. Laut einer wissenschaftlichen Arbeit aus 2016, die der Stadt vorliegt, ist der Bestand an Geschäften seit den 70er Jahren von drei auf heute weit über 50 angewachsen. Hauptbranchen sind: Brautmoden und Juweliere, Reisebüros, Bäckereien, Friseure, (Damen/Herren)Mode und Geschenkartikel. Die durchschnittliche Verkaufsfläche beträgt über 100 Quadratmeter. Hier arbeiten Türken (57 Prozent), Deutsche (11 Prozent), Bulgaren, Iraker, Italiener, Rumänen und Afghanen. Dazu kommt die Gastronomie, die das Einkaufserlebnis abrundet. Wer hier unterwegs ist, kann die Atmosphäre der orientalischen Stadt erspüren, eine Art Zusammenspiel von Allem und aller Anwesenden, ein fließendes Treiben von Innen nach Außen. Fenster, Türen, kleine Eingänge - was möglich ist, steht offen. Auch die Autos, die vorbeidonnern. Präsentierte Waren, Produkte, Händler und Marktgänger produzieren Sinnesreize, die den passiven Passanten bedrängen und hineinziehen ins Geschehen. Alles kommt näher oder in die Quere.

"Man steht den Dingen förmlich gegenüber", sagt van Aaken beim Blick auf die Auslagen. Teure Preziosen, schillernde Hochzeitskleider, dazu quietschbunte, in Honig getränkte Süßspeisen. Alles scheint zum Greifen nah, fast intim. Die Offenheit der Geschäfte und die aufdringlichen Auslagen sowie die anbietenden Händler verdichten die Wahrnehmung der angebotenen Waren. Es gibt keine Namen oder Preisschilder. Was zu verkaufen ist, wird ausgestellt. Die Produkte sind attraktiv aufgemacht, die Güter werden offen ausgebreitet, um eine unmittelbare Wahrnehmung beim Passanten zu erzielen. Die Präsentation erfolgt in Augenhöhe oder man kann auf die Dinge heruntersehen. Es wird mit der Ware für die Ware geworben - anders als um die Ecke, wo - schön deutsch - vieles versteckt, verschlossen, verpackt und schön sauber präsentiert wird. "Bewohner und Kunden interpretieren den öffentlichen Raum anders und haben ihn nach ihren Bedürfnissen verändert", sagt van Aaken: Die Straße sei längst multifunktional geworden - ein Hauch von Basar eben an diesem Nachmittag am Marktplatz.