Stadtteile

Neckarstadt-West Rundgang mit Hans-Joachim Hirsch thematisiert die Anfänge der nationalsozialistischen Bewegung im Stadtteil

Enteignung, Verfolgung und Widerstand

Archivartikel

War die Neckarstadt toleranter als andere Stadtteile? Wie veränderte sich das Leben in dem Stadtteil in der Zeit von 1933 bis 1945? Und wie erinnert sich die Neckarstadt heute an Gewinner und Verlierer des Unrechtsregimes? Ein Rundgang mit Hans-Joachim Hirsch in Verbindung mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der NaturFreunde Mannheim mit mehr als 90 Teilnehmern führte zu den Wohnstätten von NS-Gegnern aus der Arbeiterbewegung und Opfern des Nationalsozialismus.

Dabei räumte Hirsch mit der „Legende auf, dass es in der Neckarstadt keine Nazis gegeben hat“. In der heutigen Zeit, in der sich rechtes Gedankengut wieder breit mache, verband der ehemalig Mitarbeiter des Stadtarchivs Mannheim dies mit der Mahnung: „Wehret den Anfängen!“

Erste Station war das Wohnhaus von NS-Opfer Gustav Dieter in der Mittelstraße 4. Das Mitglied der Sozialdemokraten hatte ein Flugblatt gegen die Nationalsozialisten unterschrieben, wurde 1935 verhaftet und am 18. März 1936 im Zuchthaus Bruchsal getötet. In der Schimperstraße 1 war die Zweigniederlassung eines Wäschegeschäfts des jüdischen Händlers Carl Herzberg, die im Rahmen der Arisierung aufgekauft wurde. Ecke Schimperstraße/Spelzenstraße wohnte der arbeitsloser Kaufmann Karl Hess. Er war kein Parteimitglied, hatte aber für die Sozialdemokraten Flugblätter gedruckt und wurde deshalb 1933 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Im Erdgeschoss des Hauses war das Zigarrengeschäft von Philipp Zembsch: Dessen Sohn Richard ging im Alter von knapp 16 Jahren nach Frankreich in die Fremdenlegion. Nachdem ihn der französischen Geheimdienst angeheuert hatte, schoben ihn seine Vorgesetzten nach Deutschland ab. Zwei Jahre saß Richard Zembsch im Gefängnis. 1943 wurde er in Plötzensee wegen Hochverrats hingerichtet.

Bad-Besuch mit Folgen

Schon vor der Machtübernahme durch die Nazis ereignete sich an der Ecke Jean-Becker-/Mittelstraße eine Bluttat: Am 8. Dezember 1927 kam es zu einem Handgemenge zwischen jungen Sozialdemokraten und Nazis. Dabei tötet der 17-jährige Hermann Baumgart einen jungen Sozialdemokraten. Bei der Gerichtsverhandlung wurde Notwehr anerkannt. Baumgart erhielt eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und zwei Monaten. Nach 1933 wurde er in den Polizeidienst übernommen und erhielt 1940 eine hohe Auszeichnung von den Nazis.

Im ersten Obergeschoss des Eckhauses wohnte die jüdische Familie Goldberg. Der 22-jährige Sohn Nathan wurde wegen Hausfriedensbruchs bestraft, weil er im Volksbad gebadet hatte – die öffentliche Einrichtung war für Juden verboten. Laut Akten wurde er von dem in der Stamitzstraße 3 wohnenden Walter Scholl angezeigt. Gegenüber von der Neckarschule in der Mittelstraße war das Kaufhaus Kander, das in den 1930er Jahren arisiert wurde. Auch die Wäscherei der Familie Ziesel gegenüber von ihrem Wohnhaus in der Mittelstraße 18 wurde 1933 arisiert und die Familie 1940 nach Gurs deportiert.

Ein Panoramabild zeigte den Flaggenstreik in der Alphornstraße. Am 6. Februar 1933 marschierten die Nazis in einem Demonstrationszug durch die Neckarstadt. Doch von den Gratishakenkreuz-Fahnen hing nur eine in der Alphornstraße. Auf dem Betriebsgelände von Maler Zipfel in der Humboldtstraße 8 gründeten Nazis die erste Ortsgruppe „Humboldt“, die sehr aktiv gewesen ist. Im Kulturzentrum bei der Herz-Jesu-Kirche wurden in der NS-Zeit französische Zwangsarbeiter untergebracht. Schräg gegenüber in der Mittelstraße wohnte Sinti Otto Reinhard mit seiner Frau Margarethe. Als sein Bruder Wilhelm verhaftet wurde, sollte er auf dessen Wunsch einen versteckten Trommelrevolver und ein Radiogerät ansichnehmen. Otto Reinhard wurde von der Schwester der Nachbarin verraten, inhaftiert und im Dezember 1943 hingerichtet.

Am Eingang zur Gutmannstraße liegen zwei Stolpersteine – für Rosa Eckel und Margarethe Stögbauer. Beide halfen nach dem großen Bombenangriff im April 1943 bei den Aufräumarbeiten und stahlen dabei im Nachbarhaus einen Sack Zwiebeln und eine Kiste Präservative. Im August erinnerte sich schließlich der Hauseigentümer an diese Gegenstände und zeigte danach die beiden Frauen an. Sie wurden zum Tode verurteilt und 1943 in Stuttgart hingerichtet. „Die Stolpersteine vom Arbeitskreis Justiz sind die einzigen Stolpersteine in derArt in Deutschland“, so Hirsch.