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Neckarau Interessengemeinschaft der Neckarauer Vereine und Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge begehen Friedensgebet am Volkstrauertag

Gedenken an „unzählige Schicksale“

Archivartikel

„Halleluja!“ – der Chor der Sängerhalle Germania e.V. sorgte mit dem berühmten Opus von Leonhard Cohen für Ruhe und Besinnung in der voll besetzten Trauerhalle auf dem Neckarauer Friedhof. „Wollen wir in Frieden leben, muss der Frieden aus uns selbst kommen.“ Mit diesen Worten von Jean-Jacques Rousseau begrüßte Rudi Strunk die Gäste zum ökumenischen Friedensgebet am Volkstrauertag. Im Gedenken an die Opfer von Gewalt und Krieg sowie der Gefallenen und Verstorbenen der beiden Weltkriege zeigte Strunk aber auch auf, dass „wir seit 70 Jahren in Frieden leben.“ Die Interessensgemeinschaft der Neckarauer Vereine sowie der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge veranstalteten das Friedensgebet. Die Grußworte der Stadt überbrachte Stadtrat Claudius Kranz, der daran erinnerte, dass vor 80 Jahren mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann: „Der Krieg hat unendlich viele Familien schicksalhaft getroffen.“

Kranz erinnerte aber auch an die Bedeutung des Volkstrauertages als Gedenktag der Gefallenen. In Anbetracht der auffallend zunehmenden rechten Gewalt zeigte Kranz aber auch auf, dass der Volkstrauertag früher fünf Wochen vor Ostern abgehalten wurde, ab 1934 bei den Nationalsozialisten „Heldengedenktag“ hieß und seine Funktion als Volkstrauertag damit verloren hatte. Nach dem Krieg wurde der Gedenktag als „Arbeit für den Frieden“ neu belebt, „es ist die Hauptaufgabe geworden“, so Kranz, „dass hier in er EU und in der ganzen Welt wieder Frieden herrscht.“ Er zeigte die Jugendarbeit der Kriegsgräberfürsorge für den Frieden auf, den Austausch der Völker und der Jugend sowie das „sich besser kennenlernen.“ Die voll besetzte Trauerhalle deutete Kranz als Zeichen, dass die Thematik aktueller ist denn je. Zum Abschluss seiner Grußworte schloss er in das Gedenken all diejenigen mit ein, „die in den letzten Jahren noch unter Gewaltherrschaft gelitten haben.“

„Das Wissen um die Geschichte ist auch, die eigene Verantwortung zu sehen.“ Auf dem Zitat von Wolfgang Schneiderhahn, Präsident des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge, basierte das Motto der Feierstunde in Neckarau. Denn Verständigung setzt Versöhnung voraus und Versöhnung brauch die Bereitschaft zur Erinnerung. Das setzten in ihrem Engagement für Frieden und Verständigung die Schüler der Wilhelm-Wundt-Realschule unter der Lehrerin Beate Tilch-Frank mit einem Flüchtlingsgedicht von Adam Zagajewski um, der nicht nur an die Flüchtlinge von Polen 1939 erinnerte, sondern auch die heutigen. In einer sehr demutshaften Geste, die an den symbolischen Kniefall von Warschau durch Kanzler Willy Brandt erinnerte, trugen die Neckarauer Schüler das Gedicht noch auf Polnisch vor.

„Suche Frieden und jaged ihm nach.“ Die Jahreslosung der Evangelischen Kirche hätte besser nicht passen können, in den Worten von Pfarrer Tobias Hanel von der Evangelischen Matthäusgemeinde Neckarau ist das Motto in den drei großen Religionen Islam, Juden- und Christentum verankert: „Überall auf der Welt sehnen sich Menschen nach Frieden, und überall ist Krieg.“ Er forderte dazu auf, die kleinen wie die großen Kriege zu beenden und mit einer „Grundhaltung den Frieden angehen.“ Hanel sagte: „Verständigung ist wichtig unter den Völkern.“ Der Austausch und der Handel seien wichtig, „Staaten, die Handeln, führen keinen Krieg.“ Hanel sagte dies in Richtung der USA, „Strafzölle und Embargos sind kein Weg für den Frieden.“ Er schloss im Gebet: „Ich bete zu Gott, die Sehnsucht nach Frieden wach zu halten und entsprechend zu handeln.“

Im Anschluss an die Predigt brachten die Schüler die Hauptbotschaft „Verständigung heißt Versöhnung, Versöhnung heißt Erinnerung“ noch in zahlreichen anderen Sprachen vor. Wegen einsetzendem Regen wurden die Kränze symbolisch in der Halle niedergelegt. Doch im Anschluss zeigten die Schüler, wie wichtig ihnen ihr Anliegen für Frieden ist: Trotz Regen begaben sie sich zu den Gräbern und legten ihre Gedenktafel dort nieder.

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