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Neckarau Festival „Rock am Damm“ lockt mit abwechslungsreichem Programm zahlreiche Gäste auf TV-1884-Vereinsgelände

Heimspiel und brachiale Klänge

„Hat jemand Durst?“, erkundigte sich Sänger Kai Lutz und reichte eine Flasche Whiskey in die erste Reihe. Hinsichtlich des Bühnenbilds und der Songtext-Metaphorik kokettiert die Alternative-Rock-Band Autumn Tree, die in ihren Gesamtsound einige dreckige Southern-Rock-Elemente verrührt, mit staubigen Wild-West-Motiven und zieht die Besucher auf der Terrasse des Neckarauer Turnvereins 1884 beim Festival „Rock am Damm“ sofort in ihren Bann. Zahlreiche Besucher jeden Alters, vom ergrauten Alt-Hippie im farbenfrohen Batik-Shirt bis zu jungen Rock-Fans, fanden sich zusammen, um gemeinsam die vier aufstrebenden Rockgruppen Autumn Tree, Knust, Haus Nummer Sieben und Of Colours einen Abend lang frenetisch abzufeiern.

Mit einem weißen Megaphon zur Verfremdung seiner Gesangsstimme, die an den 2002 verstorbenen Grunge-Rockstars Layne Staley von Alice in Chains erinnert, schmetterte Sänger Kai Lutz ins Mikrophon. Für ihn und Gitarrist Denis Bopp war der Auftritt bei „Rock am Damm“ ein Heimspiel: Da beide Bandmitglieder im Stadtteil Neckarau wohnen, durften sie quasi vor der eigenen Haustür rocken. Für gewöhnlich spielen Autumn Tree, passend zu ihrer abgründigen Rockmusik, in der Dunkelheit. Bei „Rock am Damm“ waren sie aber der Auftakt-Act. „Es wird sexy, schnappt euch euer Lieblingsgirl“, peitschte Sänger Kai Lutz, ein junger Hüne, in Bezug auf den eigens komponierten Song „Supernatural“ die Zuschauer ein. Während langsam die frühlingswarme Sonne unterging.

Tochter übernimmt Organisation

Hinter dem eintägigen Festival „Rock am Damm“, das es mit Unterbrechung seit 2007 gibt, stehen als Veranstalter die beiden Familien Hoheisel und Haberzettel.

„Über Facebook haben sich um die 30 Bands bei uns beworben. Wir hatten auch Bewerbungen aus Italien, der Schweiz und Hamburg“, erklärte Organisatorin Sarah Hoheisel, die 27-jährige Tochter des Ehepaars Hoheisel, das „Rock am Damm“ einst ins Leben gerufen hatte. Jedoch sei das Konzept des Festivals, Rockbands jeder Schattierung, von hart bis soft, aus der Region auf der Außenterrasse des gelben Vereinsheimes auftreten zu lassen.

„Die Bands bekommen keine Gage. Wir finanzieren Rock am Damm aus der Jugendkasse, uns ist es wichtig, auf Null herauszukommen. Nachher können wir den Bands immer noch etwas Geld geben. Vorher können wir das nicht versprechen“, verriet Sarah Hoheisel. Der namensgebende Rheindamm ist im Übringen nur 200 Meter vom Vereinsheim entfernt, den Baloghweg weiter runter.

Ein röhrendes Blues-Organ, das in seiner Intensität an Janis Joplin erinnert, trägt Sängerin Targol Dalirazar in der Kehle, die mit ihrer emotional ausbrechenden Stimmgewalt die Stoner/Blues-Rock-Combo Knust aus Heidelberg anführt. Ein psychedelischer bis hypnotischer Sound breitete sich aus. Auch einen Cover-Song von „I’d Rather Go Blind“ von Etta James hatten Knust im Repertoire.

Kontrast aus Frankfurt

Als Kontrastprogramm tobte später kurz vor Mitternacht die Metalcore-Gruppe Of Colours aus Frankfurt am Main. Mit der wild herumhüpfenden Sängerin Anne Brendel, die mit ihrem genre-üblichen Gebrüll für Aufsehen sorgte. In ihren Songtexten folgen Of Colours düsteren Gedanken und Stimmungen. Die Frankfurter wissen um die Bedeutung der kleinen Konzerte: „Viele kleine Festivals sterben aus. Die Festival-Kultur ist in Gefahr“, mahnte Sängerin Brendel.