Stadtteile

Neckarau Moll-Gymnasium feiert 50. Jahrestag seines Umzuges ins Niederfeld / Nico Hofmann erinnert sich an seine Jugend

„Ich bin stolz auf meine Schule“

Es ist der emotionale Höhepunkt dieses Abends: Der Festredner beendet seine Ansprache, legt die Brille ab, faltet die Manuskript-Seiten. Schulleiter Gerhard Weber betritt die Bühne, mehrmals umarmen sich die beiden. Man spürt: Hier macht ein ehemaliger Schüler seinen Frieden mit seiner früheren Schule.

Und dieser Festredner ist nicht irgendein Ehemaliger. Es ist Nico Hofmann, demnächst 60. 500 Filme tragen seinen Stempel, als Regisseur oder Produzent. Als Chef der legendären UFA ist er ein Protagonist des Kulturlebens dieses Landes. Und ein früherer Schüler des Moll-Gymnasiums, das den 50. Jahrestags seines Umzugs in das Niederfeld feiert.

1978 Abgang im Gram

Dass er dereinst einmal hier Ehrengast sein werde, das ist undenkbar, als er 1978 mit dem Abi abgeht. Denn es ist ein rebellischer Jahrgang – „eine echte Herausforderung für unsere Lehrer“, wie er bekennt: „Und unser eigenes Feinbild hatten wir im Lehrerkollegium identifiziert.“

Als er vor 200 Festgästen aus der Schulzeit berichtet, da spürt man diesen Zweispalt. Er erinnert an den Lehrer, der „unter dem Deckmantel des Biologieunterrichts Originalmaterial aus dem Dritten Reich verteilte, ohne dass irgendjemand damals dagegen eingeschritten wäre.“

Es ist Hofmann, damals Schulsprecher, der das öffentlich macht, mit Flugblättern. Der Lehrer wird in den Vorruhestand versetzt, doch die Schüler gelten als Nestbeschmutzer. Die Abi-Feier für seinen Jahrgang ist kurz gehalten, Hofmann und andere müssen ihr Reifezeugnis im Sekretariat abholen: „Doch wir fühlten uns moralisch auf der richtigen Seite.“

Groll gegen das Moll? Ganz im Gegenteil. Dass es diesen Streit gegeben hat, das heftige Für und Wider, das Lernen, für die eigene Meinung zu streiten, das habe ihn geprägt: „Ich bin stolz auf meine Schule. Der Einfluss des Moll auf mein Wirken hätte kaum größer sein können.“

Dies gilt sowohl für die Inhalte seines filmischen Schaffens, das sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt, als auch handwerklich. Beginnt er doch als Elfjähriger Filme zu drehen, mit Klassenkameraden als Komparsen. Die heutige Schülergeneration ruft er auf: „Seid politisch aktiv. Das ist wichtiger denn je.“

Wie grundlegend anders es heute zugeht, das macht Schulleiter Gerhard Weber deutlich. Der Historiker sieht seine Schule dem Erbe ihres Namensgebers Eduard Moll verpflichtet, des Oberbürgermeisters an der Wende zum 20. Jahrhundert, „der zu Unrecht im Schatten seines Nachfolgers Otto Beck steht“, wie Weber herausarbeitet. Denn Moll ist für damalige Verhältnisse ein liberaler Geist, ein Vorreiter für Bildungsgerechtigkeit; bereits 1860 gründet er die Höhere Schule für jüdische Mädchen – gemeinsam mit Rechtsanwalt Moritz Fürst, Urgroßvater der Ehefrau Webers. Welch ein Kreis.

„Empathiefähigkeit, Herzensbildung und das Eintreten für unsere demokratische Grundordnung“ – das markiert Weber als Werte, die das Moll vermitteln will, dessen Schüler aus 57 Staaten stammen. „Weltoffenheit, Toleranz und Freundlichkeit“ bilden dafür die Grundlage. Das Leistungsprinzip stehe dazu nicht im Widerspruch. „Fachliche und Allgemeinbildung werden angeboten, sie müssen aber auch angenommen werden.“

Das Bekenntnis des Moll zu Erziehung im umfassenden Sinn lobt Oberbürgermeister Peter Kurz. Mit seiner damaligen Schwerpunktsetzung auf Musik sei das Moll diesem ganzheitlichen Ansatz von Bildung schon früh gerecht geworden. Bei der Vermittlung der Werte der demokratischen Grundordnung ermuntert das Stadtoberhaupt die Lehrkräfte zu klarem Standpunkt: „Für die Erhaltung des Rechtsstaates kann es keine Neutralität geben.“

Als „Resonanzraum für Beziehungen weit über die Schule hinaus“ würdigt Regierungsschuldirektor Andreas Wronka das Moll. Die Elternvertreter loben die „Campus-Atmosphäre“ (Sabrina Strohfeldt), die idealer Rahmen für eine „offene Kommunikation“ (Michael Kett) sei.

Schüler musizieren

Doch was wäre ein Festakt am Moll ohne Musik – „ein Irrtum, wie Leben ohne Musik generell“, wie Musiklehrer Jürgen Karl betont. Dabei können die Organisatoren am Moll aus dem Vollen schöpfen: Es spielen die 13-jährige Alexandra Brenner mit ihrem Cello, begleitet von Lehrerin Amei Oettinger am Klavier, Tilo Tuschner (Klavier), Antonia Mangold (Klarinette) und Emily Isinger (Klavier).

Der Empfang danach bietet gerade ehemaligen Lehrern und Schülern Gelegenheit zur Begegnung. Verdächtig oft hört man den dafür typischen Satz: „Weißt Du noch?“

Info: Bilderstrecke unter morgenweb.de/neckarau

Zum Thema