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Neckarstadt Lichtmeile zeigt drei Tage kreative Schaffenskraft in Kellern, Kneipen und Kirchen / Weniger Besucher als 2016

Kunst und Kultur in ihrer ganzen Vielfalt

"Dieses Vielfaltquartier spiegelt sich in den drei Tagen der Lichtmeile wider, die für jeden etwas bietet", so beschrieb Oberbürgermeister Peter Kurz den urbanen Stadtteil Neckarstadt-West, in dem über 100 verschiedene Nationalitäten miteinander leben. Die Besucher - es waren weniger als in den Vorjahren - zogen durch den Stadtteil und wollten zumindest an einem der drei Abenden am vielfältigen Treiben teilhaben.

Aber das Wetter spielte einfach nicht mit. Es war nass und kalt, sodass der eine oder andere sich lieber zu Hause die Decke über den Kopf zog, als durch Mittel-, Lang- , Riedfeld - oder Fröhlichstraße zu ziehen. Sie verpassten aber Einiges: Denn Diejenigen, denen das Wetter nichts anhaben konnte, kamen voll und ganz auf ihre Kosten.

Musik aus dem Hinterhof

Am Freitagabend bestimmte die Musik die Szene bei den Neckarstädter Nächten. Aus Kneipen, Kellern und Kirchen klang es nach Techno, Beat, Jazz oder Country, aber auch nach Punk oder Klassik. Gerade diese Vielfalt begeisterte die Besucher. Indre Nandzig und Björn Wolfmüller zum Beispiel: Sie saßen gerade im Keller des theater oliv bei einem Glas Wein und unterhielten sich. "Wir sind zum ersten Mal hier, das macht richtig Spaß, diese Abwechslung anzuhören". Eine junge Frau studierte derweil das Programm: "Wo soll ich denn jetzt als Nächstes hingehen?", fragte sie sich. Kurze Zeit später war sie im Vigo vom Quintett "The Daltons" begeistert, die folklastige Rockklassiker auf ihren Instrumenten spielten. Aus dem Café Speedy war Balkanmusik zu hören. So mancher blieb kurz davor stehen, um sich das anzuhören. Von den Bewohnern selbst gespielte Musik erklang aus einem Hinterhof in der Waldhof straße. "Das ist das Schöne, dass hier auch alle Bewohner mitmachen", freute sich Buchbinderin Anette Schrimpf über die vielen Besucher.

Die ganze Vielfalt genießen konnte auch, wer durch das Alte Volksbad schlenderte. Die Band "100 Meter lecker" trumpfte hier auf mit eher lauten und harten Takten. "Apachomatic" folgte mit echter Mannheimer Garagenmusik. Ganz ungewohnt: OB Peter Kurz ließ sich auf einen Rundgang ein. Im Café Rost mischte das Duo Perijat Moumon und Rosa A. Gomez auf Gitarre und Saxofon Jazz-Standards mit Flamenco - eine eher eigenwillige Mixtur, die aber harmonisch klang. Aus dem Tivoli um die Ecke kam von "Stimme der Straße" echter Rap. In der Herz-Jesu Kirche spielte das Saporito quartetto auf zweimal Violine, Viola und Cello, klassische Musik von Mozart (unter anderem "Exsultate Jubilate". Im Milchladen verteilte Fredi Kempf Percussioninstrumente an die Zuhörer. So konnte jeder mitmachen, wenn er zusammen mit Fredi Alberto auf dem Cello Karibik-Stimmung in dem kleinen ehemaligen Geschäft verbreitete.

Am Samstag öffneten die Ateliers ihre Türen bis zu später Stunde. Auch da spielte immer wieder die Musik eine große Rolle, aber eher die leiseren Töne. Zu den Installationen "Unbemannte Leuchtobjekte" des Lampendesigners Andreas Schmidt spielten in der Fröhlichwerkstatt Gra Mor gälische Folkmusik. Fotografien, Installationen und Malerei - sogar ein Einblick in die Herstellung von Schokoladentrüffeln bestimmten den Abend. Im Quist zeigten junge Bewohner an dem nachgebauten Neckarufer (inklusive der riesigen Strommasten), dass sie sich in dem Stadtteil zu Hause fühlen. Spontan blieben Besucher stehen, als sich ein Balkonfenster in der Langstraße öffnete und Aga L. Zoe Schneidermann und Pablo und Rike Düser Lyrik und Livemusik präsentierten.

Leuchtende Papierkunst zeigte die Buchbinderei Schrimpf. Wer sich in der Quadratestadt auskennt, erkannte sofort, dass Wasserturm, Christuskirche, Alte Feuerwache, St. Sebastian oder die Trinitatiskirche aus dem Schaufenster leuchteten. In der Lutherkirche klangen klassische Töne von der romantischen Voit-Orgel. Organist Stephan Haas spielte die Orgelsonate Nr. 1 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Für die Besucher war dies ein Moment des Innehaltens, ehe sie die Fotografien von Karl Heinz Schelter betrachteten, die in den Räumen aufgehängt waren unter dem Titel "Wolken. Nebel. Himmelreich".

Andrang hielt sich in Grenzen

Das Kinderprogramm am Sonntag fiel zumindest teilweise dem Regen zum Opfer. Die wenigen wetterfesten kleinen Besucher kamen aber voll auf ihre Kosten, weil sich der Andrang in Grenzen hielt. Der "Literatur an ungewöhnlichen Orten" am Sonntagabend lauschte dann ebenfalls eine überschaubare Besucherzahl - echte Fans, die dem Wetter trotzten. Ein musikalisch-spritziges Programm stellten die Autoren Anette Butzmann und Nils Ehlert mit "Crimi con Cello" in der Klokke vor. Auch die Psychotherapeutin Ulrike Thomas las aus ihrem Buch "Der Schöne und das Biest", bei dem die Rollen vertauscht werden. Damit traf sie in der Buchbinderei Schrimpf genau den Nerv ihrer aufmerksamen Zuhörer.