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Lindenhof Bei den ersten Lindenhöfer Flohmärkte verkauften Anwohner in 30 Hinterhöfen gebrauchte Gegenstände

Schätze aus Keller und Kammer

Archivartikel

Als Standbetreiberin Carmen Schneider mit ihrem Lebensgefährten zusammenzog, legte das junge Pärchen seinen Hausrat zusammen, wodurch sich einige überschüssige Gegenstände anhäuften. Diese Sachen verkaufte Schneider jetzt im Innenhof ihres Wohnhauses in der Bellenstraße – im Rahmen der ersten Lindenhöfer Hof-Flohmärkte. Koordieniert durch die Mannheimer Stadtevents von Organisator Jens Flammann, boten gastfreundliche Bewohner im gesamten Stadtteil gebrauchte Artikel feil.

Premiere im Viertel

Dem Auftakt der kunterbunten Hof-Flohmärkte im Lindenhof hätte man besseres Wetter gewünscht. Trotz des grauen Himmels mit Nieselregen spazierten Flaneure als Laufkundschaft die Bürgersteige entlang. Somit brachte die Premiere etwas Leben ins Viertel. Über der Hofeinfahrt von Anwohnerin Carmen Schneider bildeten blaue und rosafarbene Buchstabenfähnchen das herzliche Wort „Willkommen“. Auf ihren Tischen verkaufte die 26-Jährige einen Flachbildschirmfernseher, einen schwarzen Yamaha-E-Bass samt Verstärker, ein handsigniertes rotes Konzertplakat des deutschen Rocksängers Bosse von seiner Wartesaal-Tournee 2011 sowie Bücher, darunter der Scheibenwelt-Roman „Ruhig Blut!“ des Schriftstellers Terry Pratchett, und Computerspiele wie „Command & Conquer“.

Für Schnäppchenjäger stellten die aus Kellern und Kammern gehobenen Schätze ein Krimskrams-Eldorado dar. Ein Exemplar des Gesamtwerks von Volksautor Wilhelm Busch in sechs Bänden, ungelesen und noch in durchsichtiger Folie eingeschweißt, war an einem Stand im großen Hinterhof der Windeckstraße 11 zu haben, wenige Meter von der evangelischen Johanniskirche entfernt.

Darüber hinaus lagen auf den dortigen Verkaufstischen analoge Fotoapparate, eine Computer-Tastatur, buddhistische Skulpturen sowie urige Trinkgefäße aus Franken und der Kurpfalz. Ganz hinten in der Sackgasse der nördlichen Rheindammstraße betreute Anbieterin Renate Dörr ihren Stand mit altmodischen Schlittschuhen. „Im alten Mannheimer Eisstadion bin ich damit gefahren, dort habe ich Schlittschuhfahren gelernt“, erinnerte sich Dörr an ihre Kindheit.

Getränke per Mausklick

Zusätzlich veräußerten alle Stände kleine Lindenhof-Anstecker für je zwei Euro, deren Erlös zur finanziellen Unterstützung an die ausrichtenden Stadtevents Mannheim geht. An der Kreuzung Landteilstraße und Rheinvillenstraße parkte als Werbeaktion ein Kleinbus des neuen Start-Ups „Flaschenpost.de“, die seit März 2018 im Internet bestellte Getränke ausliefert und in die Privatwohnungen trägt – innerhalb von nur zwei Stunden.

„Wir liefern ohne Aufpreis. Dadurch, dass wir so große Lager haben, etwa im Mannheimer Gewerbegebiet Mallau, können wir das über die Menge finanzieren“, schilderten die beiden Markenbotschafterinnen Rabea Leifken und Carla Riedel-Seifert. In der neudeutschen Fachsprache der Betriebswirtschaft nennt sich der Studentenjob von Leifken und Riedel-Seifert öffentlichkeitswirksam „Brand Ambassador“. Der Hauptsitz von Flaschenpost.de befindet sich in Münster. Vor allem für alte Menschen, die an einer Gehbehinderung leiden, sei dieser Lieferservice praktisch.

In der Torwiesenstraße harrten derweil die beiden Freundinnen Annabell Halfmann und Juliane Koch mit pastellfarbenen Klamotten aus. „Ich gehe selbst nur in Second-Hand-Shops einkaufen“, sagte Händlerin Halfmann. „Es gibt schon zu viele Klamotten auf der Welt. Man müsste keine mehr nachproduzieren.“

Wie beschreiben die beiden jungen Frauen ihren eigenen Kleidungsstil? „Begehrenswert“, scherzte Halfmann. Gebürtig stammt Koch aus Friedberg bei Bad Nauheim, wo einst Elvis Presley als US-Soldat stationiert gewesen war. In Bezug auf den Pop-Pionier weiß die 28-Jährige sogar eine persönliche Anekdote. „Meine Tante, die damals in der Gastronomie arbeitete, hat mal Presley ein Stück Kuchen serviert“, erzählte sie amüsiert.