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Innenstadt Pianist Rolf Sieren spielt Brahms in der Liedertafel

Verrückte Werke und ihre Geschichte

Archivartikel

Eine der technisch schwierigsten Klaviersonaten hat sich der Pianist Rolf Sieren für seinen schon traditionellen Klavierabend in den Räumen der Mannheimer Liedertafel e.V. ausgewählt: Die selten zu hörende viersätzige „Sonate B-Dur op. 106“ von Ludwig van Beethoven (1770-1827), besser bekannt unter dem Namen „Hammerklaviersonate“.

Vielleicht ist sie Beethovens verrücktestes Werk für Klavier. Sie galt lange als unspielbar und Beethoven selbst prognostizierte: „Die Sonate wird den Pianisten zu schaffen machen.“ Die mit einem Wahnsinns-Sprung und rhythmischen Fortissimo-Akkorden beginnende Komposition aus den Jahren 1817/1818 entstand während einer Zeit, die durch den Tod von Beethovens Bruder Caspar Carl und den Streit um die Vormundschaft seines Neffen Karl geprägt war, aber auch von finanziellen Problemen. Auch machte ihm seine zunehmende Taubheit zu schaffen. „Eine Anekdote besagt, dass Beethoven einen neuen Flügel bekommen hatte, der sehr viel lauter war“, erzählt Sieren. Vor lauter Freude darüber, dass er wieder hören konnte, habe er diese Sonate komponiert.

Rolf Sieren, Musikschullehrer und langjähriger Hochschuldozent, hat sich die Hammerklaviersonate über viele Jahre angehört. Immer wieder war er davon fasziniert. „Irgendwann habe ich angefangen zu üben. Das war so interessant, ich konnte gar nicht mehr damit aufhören“, erzählt Sieren. Es sei schon eine kapitale Herausforderung. „Aber dann ging es plötzlich“, ergänzt er. Es erfordere viel Disziplin und Erfahrung, damit man diese Sonate spielen könne. Man müsse viel üben, technisch versiert sein. Rolf Sieren ist Profi, das spürt man.

Zuvor überzeugt der Pianist bereits im ersten Teil des Konzerts mit den beiden „Rhapsodien op.79“ von Johannes Brahms (1833-1897) das Publikum von seinem Können. Die beiden temperamentvollen und leidenschaftlichen Stücke für Klavier, erzählt Sieren, komponierte Brahms 1879 während eines Ferienaufenthaltes in Pörtschach, einer kleinen Gemeinde am Wörtersee. Er liebte es, morgens früh auszustehen und weit weg von der großen Stadt zu komponieren.

Couperin als Zugabe

Dabei entstanden zwei Werke mit eigenem Charakter, was es Brahms schwer machte, eine geeignete Bezeichnung zu finden. Er schwankte zwischen den Titeln „Kleine Klavierstücke“ und „Caprices“. Seinem Verleger Karl Simrock gefielen die beiden Stücke so gut, dass er sie schon kurze Zeit danach veröffentlichte. Mit der Bezeichnung war dieser jedoch nicht einverstanden.

Vermarktungsstrategien kannte man auch damals schon. Für freischaffende Musiker war es überlebenswichtig, sich von anderen Mitbewerbern abzuheben. Simrock betitelte die Kompositionen deshalb mit „Rhapsodie“, wodurch er sich reißenden Absatz versprach. Dass der Begriff Rhapsodie überhaupt nicht zu den klar struktuierten Werken passte, hatte Simrock in Kauf genommen. „Denn eigentlich sind Rhapsodien Stücke, die an keine bestimmte Form gebunden sind“ , klärt Sieren auf. Am Ende spielt er für das begeisterte Publikum noch eine Zugabe: „Les Barricades mystérieuses“ von François Couperin. bräu

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