SV Waldhof

Relegation Waldhof-Gegner Uerdingen hat in seiner wechselhaften Vereinshistorie viel erlebt – unter anderem eine der größten Aufholjagden der Europapokal-Geschichte

Aufstieg und Fall eines ungeliebten Stiefkinds

Archivartikel

KREFELD.Waldhofs Aufstiegsrundengegner KFC Uerdingen war lange Zeit das ungeliebte Stiefkind im sonst so fußballgegeisterten Rheinland. Ihren Ruf als „graue Maus“ und „Pillenclub“ erspielten sich die Krefelder ausgerechnet in ihrer erfolgreichsten Zeit unter dem Dach des Bayer-Konzerns.

In den 1980er Jahren schrieb Bayer 05 Bundesliga-Geschichte, gewann den DFB-Pokal und sorgte unter seinem Trainer Karl-Heinz Feldkamp auch auf der internationalen Bühne für Aufsehen. Das unvergessene 7:3 im brisanten deutsch-deutschen Duell gegen Dynamo Dresden ging als „Wunder von der Grotenburg“ in die Europapokal-Annalen ein. Nach dem Ausstieg des Bayer-Konzerns 1994 und dem Neubeginn als Krefelder Fußball-Club begann der sportliche Niedergang des Vereins, der bis in die sechste Liga durchgereicht wurde.

Der Aufstieg unter dem Bayer-Kreuz: Anfang der 50er Jahre fusionierte der FC Uerdingen mit der Betriebssportsparte von Bayer, doch überregional traten die Krefelder erst einige Zeit später in Erscheinung. 1971 stiegen die Rheinländer in die Regionalliga auf, 1974 qualifizierten sie sich für die neugegründete 2. Bundesliga, ein Jahr später gelang der Sprung ins Oberhaus. Den Uerdingern haftete fortan der Ruf einer „Fahrstuhlmannschaft“ an, erst ab 1983 gelang es Bayer, sich längerfristig in der Bundesliga zu etablieren. Unter den Trainern Timo Konietzka und Karl-Heinz Feldkamp hatte der Verein nun seine stärkste Phase.

Pokalsieg und „Wunder von der Grotenburg“: Mit dem Einzug ins DFB-Pokal-Finale 1985 hatte im Vorfeld kein Experte gerechnet. Dort wartete der große FC Bayern auf die Krefelder. Obwohl nur krasser Außenseiter, gewann Bayer verdient mit 2:1. „Uerdingen hatte die Bayern im Sack. Sie hätten 5:1 gewinnen können. Es ist toll, was in zwei Jahren aus dieser Betriebssport-Gemeinschaft geworden ist“, schrieb „Bild“- Kolumnist Max Merkel anerkennend. Die 05er qualifizierten sich durch den Triumph im Berliner Olympiastadion für den Europapokal der Pokalsieger. Dort kam es im März 1986 im Viertelfinale zum brisanten deutsch-deutschen Duell gegen Dynamo Dresden. Nach einer 0:2-Niederlage im Hinspiel musste in der heimischen Grotenburg-Kampfbahn ein Sieg her, doch zur Pause lagen die Krefelder bereits schier aussichtslos mit 1:3 zurück. Was folgte, war eine der größten Aufholjagden der Europapokalgeschichte. In weniger als 30 Minuten machte Bayer aus dem 1:3 ein 7:3 und feierte das „Wunder von der Grotenburg“. „Fußballerisch war das nicht zu erklären“, stand für Trainer Feldkamp fest. Die Erfolgsmannschaft jener Jahre, zu der Spieler wie Friedhelm und Wolfgang Funkel, Werner Vollack, Matthias Herget oder Rudi Bommer gehörten, genießt in Krefeld bis heute Legendenstatus.

Von Bayer 05 zu KFC: An jene Erfolge konnte Uerdingen in der Folgezeit nicht mehr anknüpfen. Der Bayer-Konzern bündelte seine Sponsoring-Aktivitäten zunehmend in Leverkusen. Während für Bayer 04 Stars wie Bernd Schuster aufliefen, war einige Kilometer rheinabwärts bei Bayer 05 Hausmannskost angesagt. 1994 beendete der Chemie-Riese sein Engagement in Krefeld. Der Club gab sich einen neuen Namen (KFC Uerdingen 05), ein neues Logo – doch die Probleme blieben. Der Zuschauerzuspruch war weiter bescheiden und bei der Gewinnung neuer Geldgeber tat sich der Verein schwer. Es folgte ein schleichender Niedergang, der 1996 mit dem Abstieg aus der Bundesliga begann und 2008 im Absturz in die sechstklassige Niederrhein-Liga gipfelte.

Turbulente Zeiten unter Präsident „Lakis“: Der griechische Unternehmer Agissilaos „Lakis“ Kourkoudialos rettete den Club 2008 mit einem Darlehn vor dem Aus. Der Grieche übernahm als Präsident und Hauptsponsor die Geschicke des Vereins. Lakis sorgte immer wieder mit öffentlichkeitswirksamen PR-Aktionen für Schlagzeilen, ließ sich einmal sogar selbst einwechseln, um einen Elfmeter zu (ver-)schießen und verpflichtete 2009 den früheren Bundesliga-Torschützenkönig Ailton. Sportlich erlebte der KFC unter Lakis eine Berg- und Talfahrt, doch der Führungsstil des Griechen polarisierte. Immer häufiger bestimmten Meldungen über ausbleibende Spielergehälter und Gerichtsprozesse das Bild des Vereins. 2016 zog sich Lakis im Streit zurück. Unter seinem Nachfolger Mikhail Ponomarev kehrte in Uerdingen wieder Ruhe ein. Der russische Unternehmer will den KFC mit Macht zurück in den Profifußball führen.