Thema des Tages

Gesundheit Behandlung ohne vorherigen persönlichen Kontakt in Praxis möglich

Ärztetag ebnet Weg für Online-Therapie

Erfurt.Ärzte in Deutschland dürfen Patienten künftig auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt in der Praxis ausschließlich per Telefon, SMS, E-Mail oder Online-Chat behandeln. Voraussetzung ist, dass die Mediziner die ärztliche Sorgfalt bei Diagnostik, Beratung, Therapie und Dokumentation gewährleisten und ihre Patienten über die Online-Behandlung aufklären.

Der Deutsche Ärztetag machte gestern in Erfurt den Weg frei für eine ausschließliche Fernbehandlung durch in Deutschland ansässige Mediziner über digitale Medien. Die 250 Delegierten beschlossen nach kontroverser Debatte mit großer Mehrheit eine entsprechende Änderung der Musterberufsordnung für Ärzte. In Baden-Württemberg ist die ausschließliche Fernbehandlung bereits seit 2016 im Rahmen von Modellprojekten möglich. Die Entscheidung des Ärztetags, muss von den Landesärztekammern regional umgesetzt werden.

Doch das Echo ist geteilt. Zustimmung kam von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Krankenkassen und Ärzteverbänden, kritisch äußerte sich die Stiftung Patientenschutz. „Das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis wird weiter das dominierende Element in der ärztlichen Behandlung bleiben“, versicherte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Bislang waren Ärzten solche Fernbehandlungen nur nach einer persönlichen Untersuchung erlaubt.

Umsetzung könnte dauern

Nach dem Beschluss des Ärztetages ist Medizinern nun „im Einzelfall“ eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über digitale Medien möglich, wenn dies medizinisch vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt bei Diagnostik, Beratung, Therapie und Dokumentation gewährleistet wird. Außerdem müssen die Patienten von ihrem Arzt über die Online-Behandlung aufgeklärt werden. „Beide müssen wissen, was sie tun, und sich darüber einig sein“, sagte Montgomery.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mahnte, nun müssten die Möglichkeiten auch so genutzt werden, „dass die Patienten auch wirklich etwas davon haben“. Spahn zeigte sich überzeugt, dass mit Online-Sprechstunden Patienten Wege und Wartezeiten erspart werden. „Damit helfen wir Ärzten und Patienten“, sagte er. Der Deutsche Hausärzteverband warnte indes davor, dass das neue Angebot „als Kostensparprogramm für Krankenkassen missverstanden“ werden könne. Nachteile befürchtet auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz. „Verlierer sind vor allem pflegebedürftige und schwerstkranke Menschen, die auf ihren Mediziner daheim hoffen“, erklärte Stiftungsvorstand Eugen Brysch.

Die 17 Landesärztekammern müssen nun die Berufordnungen anpassen. Bis dies flächendeckend geschehen sei, könnten bis zu zwei Jahre vergehen, sagte Montgomery. dpa